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	<title>rationalpark.com &#187; Publikationen</title>
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	<description>Verein für Philosophie und Kulturwissenschaften</description>
	<pubDate>Thu, 29 Sep 2011 10:33:10 +0000</pubDate>
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		<title>&#8220;Niemand ist hier arm&#8230;&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Dec 2010 17:01:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marion Kraml</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>

		<category><![CDATA[Publikationen]]></category>

		<category><![CDATA[2010]]></category>

		<category><![CDATA[armut]]></category>

		<category><![CDATA[österreich]]></category>

		<category><![CDATA[medienanalyse]]></category>

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		<description><![CDATA[Armut ist weit weg. Armut ist selbstgewählt. Armut wird mich nie betreffen. Diese und ähnliche Aussagen sind nicht selten in den Köpfen unsereins zu finden. Ob es nun eine Bewältigungsstrategie, Selbstschutz oder bewusste Verblendung der Realität ist, sei dahingestellt. Klar und offensichtlich ist, dass die wenigsten ÖsterreicherInnen mit Armut umzugehen wissen. Und das, obwohl es ein Thema ist, das uns tagtäglich auf den Straßen begegnet, ob wir es nun sehen wollen oder nicht. Der Thematik annehmen trauen sich selbst die großen Tageszeitungen meist nur vor den Weihnachtstagen, wo an die SpenderInnen mit Bildern, Texten und Statistiken appelliert wird. Diesen Reportagen ist der folgende Medienbericht gewidmet.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><img class="alignleft size-full wp-image-1613" title="Foto by Kristian Rickert - Homeless man in Dusseldorf" src="http://www.rationalpark.com/wp/wp-content/uploads/2010/12/armut.jpg" alt="Kristian Rickert - Homeless man in Dusseldorf" width="175" height="135" />Armut ist weit weg. Armut ist selbstgewählt. Armut wird mich nie betreffen.</em></p>
<p>Diese und ähnliche Aussagen sind nicht selten in den Köpfen unsereins zu finden. Ob es nun eine Bewältigungsstrategie, Selbstschutz oder bewusste Verblendung der Realität ist, sei dahingestellt. Klar und offensichtlich ist, dass die wenigsten ÖsterreicherInnen mit Armut umzugehen wissen. Und das, obwohl es ein Thema ist, das uns tagtäglich auf den Straßen begegnet, ob wir es nun sehen wollen oder nicht. Der Thematik annehmen trauen sich selbst die großen Tageszeitungen meist nur vor den Weihnachtstagen, wo an die SpenderInnen mit Bildern, Texten und Statistiken appelliert wird. Diesen Reportagen ist der folgende Medienbericht gewidmet.</p>
<p>Im Zeitraum von Oktober 2009 bis Jänner 2010 wurden insgesamt 27 Berichte in gängigen Tageszeitungen gefunden, welche sich in irgendeiner Weise mit dem Thema Armut beschäftigten. Mit den meisten Berichten belegt <em>Der Standard</em> den ersten Platz: gesamt konnten sieben Berichte ausfindig gemacht werden. Platz zwei geht an den <em>Kurier</em>; er lieferte fünf Reporte. Mit drei Reportagen in dem von mir beobachteten Zeitraum liegen ex aequo die <em>Wiener Zeitung</em>, die <em>Kronen Zeitung</em>, die <em>Presse</em> sowie die <em>Kleine Zeitung</em>. Dahinter, mit zwei Berichten, rangieren die <em>Oberösterreichischen Nachrichten</em>. Schlusslicht in der Berichterstattung über Armut bildet die Zeitung <em>Österreich</em> mit nur einem Bericht.</p>
<p>Die Analyse wurde nach spezifischen Gesichtspunkten durchgeführt, um eine fundierte Vergleichbarkeit zu garantieren. Die Analysepunkte beziehen sich auf verschiedene Aspekte in den Berichten, formale ebenso wie inhaltliche. Untersucht wurden:</p>
<ol>
<li>Die Größe des Beitrags: Wie viele Seiten hat der Bericht? Oder ist es nur eine kleine Spalte auf einer Seite?</li>
<li>Die visuelle Repräsentation: Gibt es Bilder zu der Reportage? Wenn ja, welche?</li>
<li>Wer wird darauf gezeigt? Gibt es zu angeführten Daten (belegte) Statistiken? etc.<br />
Eventuelle angegebene Quellen: Ist die Reportage ein Interview? Oder ein Erlebnisbericht einer Reporterin/ eines Reporters? Wird eine Veranstaltung vorgestellt? etc.</li>
<li>Darstellung und Inhalt: Wie werden die vorkommenden Menschen als „Arme&#8221; dargestellt? Eher passiv oder aktiv? Gibt es nur die Draufsicht oder werden die betreffenden Personen auch nach ihrer Sicht (Innensicht) befragt? etc.</li>
<li>Die sprachliche Darstellung: Welches Vokabular wird verwendet? Wer spricht über wen?</li>
</ol>
<p>Dieser Fragebogen bildet die Grundlage für die Analyse der Berichterstattungen. Die Auswahl der vorher genannten Analysekategorien ergibt sich aus der Fragestellung. Der Gesamteindruck, also Größe, formelle Gestaltung plus Inhalt und dessen Darstellung ist für die Analyse von Bedeutung. Die Verbindung von Wort und Bild kann ebenso aufschlussreich sein, wie die Größe des Beitrages, die wiederum die Aufmerksamkeit widerspiegelt, welche dem Thema gegeben werden soll.</p>
<p>Die gesammelten Zeitungsartikel werden datiert beginnend mit dem 31. Oktober 2009 bis zum 31. Dezember 2009. Dabei ist bereits zu erkennen, obwohl ich bis Ende Jänner die Zeitungen weiterverfolgt habe, dass ab dem Zeitpunkt, an dem Weihnachten aus den Geschäften und aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden war, auch das Thema Armut aus dem Zeitungen entschwand. Die Berichterstattung wurde nicht bloß weniger, sie endete vollkommen. Dies kann mitunter darauf zurückgeführt werden, dass in vorweihnachtlichen Spendenaktionen an das gute Herz der wohlgesinnten Spender und Spenderinnen appelliert wird, welche, im Sinne der christlichen Ideologie der Nächstenliebe, sich dem/der Nächsten annehmen und somit öfter und freiwilliger spenden, als in den restlichen Monaten des Jahres.</p>
<p>In einem Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren ergibt sich die Grundlage für die vielen Spendenaufrufe zu Weihnachten: Auf der Nordhalbkugel der Erde lebend fällt für uns die Weihnachtszeit in den Winter, der Kälte und Schnee mit sich bringt; beides sind Faktoren, welche es für Obdachlose nicht einfacher machen, im Freien zu (über-)leben. Das Weihnachtsfest als Fest der Familie beziehungsweise generell als Fest der Nächstenliebe bringt die richtige Botschaft, um, verbunden mit der schlechten Wetterlage, für Bedürftige die Spendentrommel zu rühren. Wohnungs- und Lebensmittelnot stellen die Betroffenen besonders in dieser Jahreszeit vor schwierige Herausforderungen. Hinzukommen gesundheitliche Mängel von kalten Böden oder schimmligen Unterkünften. Im Jahr 2009 wurde die Armutssituation durch den unerwarteten Faktor Wirtschaftskrise noch verschärft, der einen Schwall an „Neuen Armen&#8221; mit sich brachte. Somit entstand für viele eine unausweichliche Notsituation, welche durch die spendenfreudigen ZuseherInnen am Rande der menschlichen Katastrophe zu mehr oder weniger großen Beiträgen greifen ließ.</p>
<p>Dies zeigt sich auch in den Berichten und Artikeln ganz klar: Nicht nur, dass aufgefordert wird zu spenden; in vielen Abschnitten sind Dankesworte inkludiert, welche zwar nicht direkt von den Betroffenen stammen, aber von den Vertretern der Institutionen.[1]</p>
<p><strong>Medienanalyse - Darstellung</strong></p>
<p>Von der Gesamtanzahl an Beiträgen (27) widmen sich dem Thema rund 19 mit Hilfe der Draufsicht, nur circa 8 Artikel ließen auch Betroffene selbst zu Wort kommen und liefern somit eine Innenperspektive. Aus dieser Ausarbeitung kann herausgelesen werden, dass vorwiegend der unpersönliche Umgang mit Armut gepflegt und der direkte Kontakt immer noch gemieden wird. Ein weiteres Detail bestätigt diese Tendenz: In den Beiträgen scheinen einige Interviews und kurze Wortmeldungen von Caritas-Präsidenten auf.[2]</p>
<p>In diesem Zusammenhang ist es interessant zu fragen, warum diese Kurzbeiträge in die jeweiligen Artikel eingefädelt wurden: Galt es bloß zu unterstreichen, wie notwendig Hilfsmaßnahmen sind oder kann dieses Einbringen von Institutionsangehörigen als eine Möglichkeit gesehen werden, um die Idee, dass bestimmte Vereine und Institutionen sich um arme Personen kümmern, für sich zu verwenden um somit keinen weiteren eigenen, persönlichen Beitrag mehr erbringen zu müssen. Dieser Gedanke wurde im Laufe der Analyse des Öfteren aufgegriffen, wird aber im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter ausgeführt, da er weitere Forschungen benötigen würde.</p>
<p>Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass in vierzehn Artikeln explizit Spendenaufrufe getätigt wurden. Dabei wird immer wieder auf die Notwendigkeit der Spenden im Winter beziehungsweise zu Weihnachten hingewiesen. Kontaktadressen und Kontoverbindungen scheinen meist am Ende eines Artikels auf, der sich zuvor implizit (beispielsweise mit Immobilien in Verbindung mit Delogierungen) oder explizit (zum Beispiel als Begleitung eines Obdachlosen durch seinen Tag) mit Armut befassen. Die jeweilige Institution, die im Zuge der Berichterstattung erwähnt wird, erscheint mit Kontaktdaten am Schluss des Spaltentextes. In zwei Artikel wird ein besonderes Augenmerk auf die Unterscheidung von großen und kleinen SpenderInnen gelegt: Firmen und PrivatspenderInnen lassen sich durch die Höhe ihrer gespendeten Beträge unterteilen, wobei meist die Großspender als Bezugspunkt gelten. Namentlich werden jedoch meist Firmen oder deren Vorstände erwähnt, sowie in einem Beitrag des Kurier, in dem auf zwei Großspender, namentlich die Generaldirektoren der Raiffeisen Zentralbank und der Versicherung UNIQA, hingewiesen wird; des Weiteren erwähnt wird der von ihnen übergebene Gesamtbetrag, der an die Caritas ging.[3] Besonders gelobt werden die vielen „kleinen SpenderInnen&#8221;, die trotz der Wirtschaftskrise ein oftmaliges Ausbleiben der Spenden von Firmen durch ihre anhaltende Spendenfreudigkeit aufwiegen.</p>
<p>In vier Berichten wiederum erscheinen Spenden nicht im Zuge einer Aufforderung beziehungsweise Bitte, sondern sie sind Fokus der Berichterstattung. So schreibt ein Artikel über die Spendensituation in Oberösterreich, ein anderer erfasst die gesamtösterreichische Situation. Im Zusammenhang mit Spenden werden besonders Projekte, welche von regionalen oder überregionalen Initiativen gestartet wurden, aufgegriffen und dargestellt.</p>
<p>Im Rahmen der Spendenthematik kann zwischen finanziellen Aufwendungen und dem Spenden von Zeit im weitesten Sinne differenziert werden: so erscheinen Politiker und Spitzenköche in der Gruft, um in der Weihnachtszeit mitzuhelfen. Freiwillige erledigen unterdessen viel Arbeit in der Gruft im laufenden Jahr. Ebenso gilt es, im SOS-Kinderdorf Mütter und Väter zu finden, die Kinder übernehmen, welche ein schweres Schicksal erlitten haben und in einer neuen Familie einen Neustart beginnen sollen. Folglich kann jede/r seinen/ihren kleinen oder großen Beitrag leisten, sei es finanzieller Natur oder durch die Mithilfe bei bekannten Vereinen. Lebensmittel werden in zwei Beiträgen erwähnt. In einem gilt das Wegwerfen von eigentlich noch bekömmlichem Brot als Aufhänger, im zweiten Artikel scheint der Lebensmittelladen SOMA auf, der gerade an Weihnachten beziehungsweise generell vor Feiertagen stärker frequentiert wird, da für die Familie noch Lebensmittel und Kleinigkeiten für die Feiertage preisgünstig besorgt werden können. Besonders Geschenke um 1 Euro für Kinder erfreuen sich zu Weihnachten größter Beliebtheit. Bedeutend dabei erscheint die Tatsache, dass Weihnachtswünsche, welche einander an der Kasse gegeben werden, ehrlicher gemeint sind als in so manchen anderen, bekannten Lebensmittelläden.</p>
<p>Zwei Artikel haben den <em>Louise-Bus</em> der Caritas als Thema. Dieser ist eine mobile Krankenpflege, welche von freiwilligen Ärzten betreut und von der Caritas gesponsert ist. Er klappert bestimmte Stationen in Wien ab und lässt so den Obdachlosen die nötige medizinische Versorgung zu kommen. Wie schon erwähnt, beeinträchtigen schlechte Unterkunft- und Schlafmöglichkeiten erheblich die Gesundheit der Betroffenen, sodass Infektionen leichtes Spiel haben. Besonders Kinder und ältere Menschen leiden unter einem schlechten Immunsystem. Fieber oder offene Wunden werden ebenso behandelt wie leichte Schnittwunden oder Aufschürfungen. Bei schwerwiegenden Fällen überweist man diese an gelistete, aber geheime Fachärzte, welche die weitere Behandlung gratis übernehmen. Dieser Bericht ist einer der wenigen, der auch die Betroffenen zu Wort kommen lässt. Durch diese emotionale Unmittelbarkeit zeichnet sich ein erschütternd ehrliches Bild der jeweiligen Lebenssituation ab, welche die Leserin/den Leser emotional berührt. Genau dieser Effekt lässt einen die eigene Lebenssituation noch einmal überdenken und führt oftmals dazu, zum Spendentelefon oder Spendenscheck zu greifen und für die angeführte Institution zu spenden.</p>
<p>Diese Unmittelbarkeit setzt sich fort in den Artikeln, die sich dezidiert mit Obdachlosen beschäftigen. Die gezielte Auflistung weniger, aber detailliert geschildeter und realer, weil von Betroffenen erzählter, Verhältnisse, in denen Menschen ohne fixe Unterkunft im Winter leben müssen, erzielt wiederum eine emotionale Rührung bei der Leserschaft. Das tägliche Ringen um Schlafplätze und Mahlzeiten schafft eine Basis, die für jede/n verständlich und nachvollziehbar ist und somit als Vergleichsbasis herangezogen werden kann. Und genau auf dieser Ebene werden alsdann die darauf folgenden Spendenaufrufe deponiert, um eine größtmögliche Zahl an bewegten Mitmenschen zu erreichen.</p>
<p>Dass Spenden auch verschwinden können oder bestimmte Entlastungsmöglichkeiten, wie die Obergrenze bei Rezeptgebühren, die besonders chronisch kranken Menschen eine finanzielle Erleichterung bieten sollte, missbraucht werden können, wird in weiteren zwei Beiträgen aufgegriffen. Der Sozialmissbrauch, der beispielsweise bei den Rezeptgebühren stattfindet, ist beispielgebend für ähnliche Vorgehensweisen in anderen Teilen des Sozialsystems. Die Gunst der Stunde wird insofern genutzt, als dass Medikamente im großen Stil, für Familie und Bekannte, eingekauft werden. Ebenso schwierig sind dubiose Spendenaktionen von wenig bekannten oder gänzlich unbekannten Gruppen beziehungsweise Personen. Immer wieder werden Beispiele bekannt, in denen gutgläubige SpenderInnen um ihr Geld gebracht wurden, weil ihre gutgemeinte Gabe an die falschen Leute geraten war. Dies kann besonders bei großen Aktionen schwer überblickt oder verhindert werden, weshalb vermehrt darauf hingewiesen wurde, doch bei bekannten Aktionen oder Institutionen (Sternsingeraktion, Caritas Österreich, etc.) direkt zu spenden, um diese und ähnliche Betrügereien in Grenzen zu halten.</p>
<p>Auffallend war, dass das Jahr 2010, welches seitens der Europäischen Union als „Jahr gegen die Armut&#8221; deklariert wurde, nur in zwei Beiträgen aufschien. Auch die Armutskonferenz im Februar 2010 tauchte nur in einem Bericht auf. Dies ist insofern verwunderlich, als dass beide Großprojekte den Blick der Allgemeinheit für Armut und für von Armut Betroffene schulen wollen. Ein Prozess der Bewusstmachung für die vielen Facetten von Armut wird angestrebt; damit soll dem Thema die Tabuisierung genommen und eine breitere Aufmerksamkeit eröffnet werden.</p>
<p>Nennenswert erscheinen verschiedene Wortmeldungen, die immer wieder in den Beiträgen aufblitzen. Die am häufigsten zitierte Person ist Michael Landau, Präsident der Caritas Wien. Er gibt entweder nur gelegentliche Kommentare zum Beitrag ab oder es wird ein Interview mit ihm abgedruckt; des Weiteren ist er auch auf einigen zugehörigen Fotos abgebildet. Ebenso ist Caritas Österreich Präsident Franz Küberl in einigen Reportagen vertreten. Und genau diese beiden Herrschaften weisen bisweilen auf ein weiteres interessantes Detail hin: Die Caritas, als eine kirchliche Institution, kommt in den Berichten klar als erste österreichische Anlaufstelle für Spenden hervor. Nicht nur, dass sie in fast jedem Bericht durch oben genannte Persönlichkeiten präsent ist; auch Repräsentanten der römisch-katholischen Kirche selbst kommen zu Wort: so etwa in einem Interview mit <em>VinziDorf</em>-Gründer Pfarrer Wolfgang Pucher. Ein weiteres Auftreten der römisch-katholischen Kirche, wenn auch indirekt, kann in einem Bericht über weggeworfene Lebensmittel gesehen werden. In diesem ist ein Zitat aus der Bibel besonders auffallend.[4]</p>
<p>Die Gruft als bekannteste Aufnahme- und Verköstigungsstelle Wiens blitzt in ebenso vielen Berichten auf, wie der Caritas Präsident Wiens. Sie wird jedoch immer aus der Außenperspektive, also in der Draufsicht dargestellt. Die Betroffenen kommen nicht zu Wort, wenige Bilder erlauben einen flüchtigen Einblick in das tagtägliche Geschehen.</p>
<p><strong>Medienanalyse - Auswertung</strong></p>
<p>Die oben angeführten und ausgearbeiteten Reportagen zum Thema Armut erschienen in den verschiedensten Größen und Gestaltungen. Die oben vorgestellten großen Analysebereiche können wie folgt zusammen gefasst werden:</p>
<p>Größenmäßig gibt es die unterschiedlichsten Ausführungen: Eine kleine fünfzeilige Spalte ist im Sortiment ebenso vertreten, wie achtseitige Sonderbeilagen, wobei auffallend ist, dass besonders große Beiträge, also eine Seite und mehr, oft vorkamen. Die visuelle Repräsentation der Thematik wird durch diverse Bilder oder Zeichnungen gesichert. Die Motive der Bilder reichen von großzügigen Spendern über Präsidenten von einschlägigen Hilfswerken bis hin zu Betroffenen. Besonders Kinderzeichnungen lenken das Auge des Betrachters/der Betrachterin auf die Berichterstattung. Die Art und Weise, wie der jeweilige Inhalt aufbereitet wurde, divergiert stark. Viele Interviews mit engagierten HelferInnen wechseln sich ab mit wenigen Interviews mit Betroffenen. Einfache Pressetexte und Reportagen sind ebenso vertreten wie einige wenige Berichte, in denen Statistiken angeführt sind. Als Quelle der Berichterstattung dienen vielfach einfache Beobachtungen oder Interviews seitens der ReporterInnen. Der Aspekt der Sprache erweist sich als ziemlich klar in der Verwendung: Sprachliche „Ausrutscher&#8221; waren nicht vorhanden. Die Berichterstattung ist klar und verständlich, sowohl in der Strukturierung als auch in der Wortwahl. Die Draufsicht überwiegt, nur selten können LeserInnen Begebenheiten aus der Innensicht nachvollziehen.</p>
<p>Inhaltlich wurde im vorangegangenen Teil schon ein Großteil erwähnt, weshalb in den folgenden Absätzen ein Resümee der Inhalte angestrebt wird:</p>
<p>Armut als ein allgegenwärtiges, aber gerne verdrängtes Thema wurde in den 27 analysierten Berichten in sensibler und doch offener und ansprechender Weise dargestellt. Hervorzuheben sind dabei einige Grundzüge, die von mir als positiv eingestuft wurden. Zuerst ist anzuführen, dass die Thematik aus den verschiedensten Blickwinkeln aufgefasst wird: Projekte und laufende Aktionen finden ebenso Platz wie kritische Darstellungen über Sozialmissbrauch; Zahlen und Daten in Statistiken werden angeführt, sowie auch allgemeine Themen wie Lebensmittel, Gesundheit und Unterkunft beschrieben werden. Ausnehmend ansprechend erschien der Aspekt, dass vor allem auch psychische und soziale Probleme aufgezeigt wurden.</p>
<p>Als erste Besonderheit muss der soziale Aspekt angeführt werden. In den Teilen, in denen Leidtragende zu Wort kommen, überwiegen zwei emotionale Momente: einerseits eine Art Schamgefühl für die Situation, in der sie leben, andererseits tiefe Dankbarkeit gegenüber Menschen oder Institutionen, die ihnen helfen. Der soziale Kontakt erweist sich sowohl als rettender Anker, als auch als schwierig zu meisternder Part. Freunde und Bekannte, welche für einen in Not geratenen Menschen sammeln und spenden, sind oftmals ein kleines Wunder für Betroffene; doch in der Situation fällt es oftmals schwierig, dass man von so nahestehenden Menschen „umsorgt&#8221; werden muss. Armut als immer noch tabuisiertes Thema in der Gesellschaft lässt gutgemeinte Hilfe manchmal unter dem Deckmantel einer Bevormundung oder eines Machtspieles erscheinen, weshalb es vielen schwer fällt, von unmittelbaren Verwandten oder Bekannten Hilfe anzunehmen.</p>
<p>Einsamkeit und Abgrenzung sind zwei Faktoren, die meist unweigerlich mit Armut einhergehen; bedeutend dabei ist, ob diese bewusst gewählt werden oder als Folge der Lage in Erscheinung treten. Depression, Angst und Hoffnungslosigkeit sind weitere Hürden, die nicht selten auf dem sowieso schon sehr steinigen Weg auftauchen. Der Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben aus Schamgefühl ist nur eine Möglichkeit, mit dem unfreiwilligen Umstand umzugehen. Damit ergibt sich der nächste Punkt: Armut ist niemals ein selbstgewählter Zustand. Als weit verbreitetes Urteil gegenüber armen Menschen existiert diese Annahme, dass viele doch quasi freiwillig in dieser Lebenslage verharren. Genau damit wurde auch in den Texten aufgeräumt. Besonders Michael Landau erwähnt es mehrmals, dass diese Situationen niemals selbst gewählt sind, sondern als Resultat von widrigen Umständen wie Scheidung, Krankheit oder Betrug aufkommen. Im selben Atemzug folgt meist der Hinweis darauf, dass genau diese Situationen bei jedem und jeder plötzlich eintreten kann. Niemand ist gefeit vor einem plötzlichen persönlichen oder unternehmerischen Scheitern. Die Botschaft: „Es kann JEDEN treffen&#8221; kann mehrmals in den Berichterstattungen gelesen werden. Die Betonung wird auf diese Aussage gesetzt, wodurch sich jeder Leser und jede Leserin angesprochen fühlt; somit kann ein direkter Bezug und eine absolute Unmittelbarkeit geschaffen werden, die der gesamten Thematik noch einmal Nachdruck verleiht.</p>
<p>Besonders in Zeiten einer Wirtschaftskrise zeigt sich, dass Armut ein steigendes Problem ist. Immer mehr Menschen sind von Kündigungen oder wirtschaftlichen Einbrüchen betroffen und schlittern so mitunter in eine unfreiwillige Armutssituation. Die Dynamik solcher Prozesse muss der gesamten Gesellschaft wieder bewusst gemacht und ins Gedächtnis gerufen werden.</p>
<p>Aus diesen Elementen ist klar herauszulesen, dass die Thematik Armut aus den verschiedensten Perspektiven betrachtet und mit unterschiedlichen Aspekten verknüpft wird. Ein Schwerpunkt liegt klar auf römisch-katholischen Institutionen, welche in diesem Bereich außerordentlich aktiv sind. Leider gab es in den Artikeln wenige Hinweise auf weitere Hilfsorganisationen wie Volkshilfe, Hilfswerk, Rotes Kreuz, Streetworker, Immo Humana, Wohnplattformen, regionale Projekte, etc. Als Gesamtbild ergibt sich eine sehr sensible Darstellung, wobei eine Innenperspektive als Möglichkeit der Darlegung selten verwendet wurde und eher eine Betrachtung von Außenstehenden vorgezogen wurde, wodurch jedoch wichtige Aspekte verloren gehen.</p>
<p style="text-align: center;"><em>Armut ist somit nicht weit weg; sie ist niemals selbst gewählt und kann jede/n treffen.</em></p>
<p>Ein breites Spektrum an Berichterstattungen zum Thema Armut wurde hier aufgezeigt. Viele Aspekte konnten berührt und einige Elemente besonders herausgestrichen werden. Diese Bandbreite erlaubt jedem/jeder von uns, sich einen Teil herauszunehmen und sich damit zu identifizieren. Konnte eine emotionale Betroffenheit, ein AHA-Erlebnis oder ein einfaches Kopfschütteln bei so manchem Leser/so mancher Leserin hervorgerufen werden, so habe ich mein Ziel erreicht.</p>
<p>In diesem Sinne wünsche ich euch ein besinnliches Weihnachtsfest!</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<ul>
<li>[1] Als Beispiel: „Unseren Lesern sei Dank!&#8221; (Nr.4, Kleine Zeitung, 25. 12.2009, S 6) sowie: „Im Namen der Redaktion, unserer Partnerorganisationen, vor allem aber im Namen der Nutznießer dieser Hilfe danke ich Ihnen für Ihre enorme Freigiebigkeit.&#8221; (Nr.4, Kleine Zeitung, 25. 12.2009, S 9)</li>
<li>[2] Präsidenten (Plural) deshalb, weil sowohl Michael Landau, seines Zeichens derzeitiger Präsident der Caritas Wien, als auch Franz Küberl, Caritas-Präsident Österreichs, mit ihren Wortmeldungen ihre Sichtweise über die Themen Armut und Spenden darlegen.</li>
<li>[3] Vgl. Nr. 11, Kurier, 20.11.2009.</li>
<li>[4] Vgl. mehrmaliges Anführen des Zitats: „[...] unser tägliches Brot&#8221; (Nr.2, Kronen Zeitung, 23.12.2009).</li>
</ul>
<p>In folgenden Zeitungen wurden in der Vorweihnachts-/Weihnachtszeit insgesamt 27 Beiträge in den österreichischen Medien zum Thema Armut veröffentlicht. (Die Nummern in den Klammern geben lediglich die Reihenfolge im Zuge der Analyse wieder.)</p>
<ul>
<li>Kronen Zeitung – 15.11.2009 – S.44/45 (Nr. 1)</li>
<li>Kronen Zeitung – 23.12.2009 – S. 20 (Nr. 2)</li>
<li>Kronen Zeitung – 5.12.2009 – S. 35-37 (Nr. 7a)</li>
<li>Kronen Zeitung – 5.12.2009 – S. 35-37 (Nr. 7b)</li>
<li>Kleine Zeitung – 31.10.2009 – S. 16/17 (Nr. 3)</li>
<li>Kleine Zeitung – 25. 12.2009 – S. 6-9 (Nr. 4)</li>
<li>Kleine Zeitung – 21.12.2009 – S. 2-3 (Nr. 5)</li>
<li>Kurier – Sonntag 15.11.2009 – S 19 (Nr. 6)</li>
<li>Kurier – 5. 12. 2009 – 20 (Nr. 8)</li>
<li>Kurier – 20.12. 2009 – Sonderbeilage – in Kooperation mit immo-Humana und SOS-Kinderdorf (Nr. 9)</li>
<li>Kurier – 29.11.2009 – Sonderbeilage – in Kooperation mit Caritas (Nr. 10)</li>
<li>Kurier – 20.11.2009 – S. 10 (Nr. 11)</li>
<li>Österreich – 22.12.2009 – s. 10 (Nr. 12)</li>
<li>Der Standard – 31. Oktober 2009 – S. 10 (Nr. 13)</li>
<li>Der Standard (derStandard.at &gt; Politik) – 16. 12.2009 (Nr. 14)</li>
<li>Der Standard – 31.12.2009 – s. 6 (Nr. 15)</li>
<li>Der Standard – 31.12. 2009 – S. 3 (Nr. 16)</li>
<li>Der Standard – 28./29.11.2009 – S. n.b. (Nr. 17)</li>
<li>Der Standard – 24.-27.12.2009 – S. 13 (Nr. 18)</li>
<li>Der Standard – 24. 12.2009 – S. A 3 (Album) (Nr. 19)</li>
<li>OÖN – 25.11.2009 – S. 24 (Nr. 20)</li>
<li>OÖN – 24.12.2009 – S. n.a. (Nr. 21)</li>
<li>Wiener Zeitung – 23.12.2009 – S. n.a. (Nr. 22)</li>
<li>Wiener Zeitung – 5./6.12.2009 – S. 14 (Nr. 23)</li>
<li>Wiener Zeitung – 24.12.2009 – S. 11 (Nr. 24)</li>
<li>Presse – 30.11. 2009 – S. 26 (Nr. 25)</li>
<li>Presse – 24.12. 2009 – S. 14 (NR. 26)</li>
<li>Presse – 28.11. 2009 – Sonderbeilage „Aufbrüche“ (vier Seiten) (Nr. 27)</li>
</ul>
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		</item>
		<item>
		<title>Heidegger und die Elefanten</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Nov 2010 11:49:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Hanselitsch</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>

		<category><![CDATA[Publikationen]]></category>

		<category><![CDATA[2010]]></category>

		<category><![CDATA[heidegger]]></category>

		<category><![CDATA[kunst]]></category>

		<category><![CDATA[tiere]]></category>

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		<description><![CDATA[Aus mehreren aktuellen Anlässen ist es wieder ein Mal nötig, die Frage nach dem Sein der Tiere aus philosophischer Sicht zu stellen. Die Betonung liegt hier freilich auf dem Fragen, weil einerseits ein ernsthaftes Denken nie zu einer endgültigen Antwort kommen kann und andererseits das Fragen bekanntlich die „Frömmigkeit des Denkens“ begründet. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-1501" title="elefant" src="http://www.rationalpark.com/wp/wp-content/uploads/2010/11/elefant.jpg" alt="elefant" width="175" height="135" />Die Frage nach dem Sein der Tiere</strong></p>
<p>Aus mehreren aktuellen Anlässen ist es wieder ein Mal nötig, die Frage nach dem Sein der Tiere aus philosophischer Sicht zu stellen. Die Betonung liegt hier freilich auf dem Fragen, weil einerseits ein ernsthaftes Denken nie zu einer endgültigen Antwort kommen kann und andererseits das Fragen bekanntlich die „Frömmigkeit des Denkens“ begründet.</p>
<p>Neue Erkenntnisse aus dem Tierreich entstammen meistens der Biologie und der Psychologie oder kommen von TiertrainerInnen und anderen Menschen, die sich mit Tieren beschäftigen. Dabei geht es beispielsweise um Hunde oder Affen, die auf unterschiedliche Art und Weise gelernt haben, Symbole oder Anweisungen in einer bisher ungeahnten Komplexität zu verstehen; aber auch Elefanten, die musizieren, tanzen oder Selbstportraits anfertigen, deuten daraufhin, dass nicht nur der Mensch <em>Welt</em> hat, sondern dass – um Rilke und anderen zu widersprechen – auch Tiere <em>Welt</em> im Sinne einer bedeutungsstiftenden Einheit oder Mehrheit haben können. Sogar die kolumbianische Polizei kann neuerdings interessante Hinweise dazu liefern; sie hat vor Kurzem einen Papagei inhaftiert, der einer Bande von Drogendealern als Informant diente: er konnte offenbar Polizisten von anderen Menschen unterscheiden und warnte seine Komplizen bei drohender Gefahr mit den Worten „Lauft weg! Ihr werdet geschnappt!“.</p>
<p>Um an einem Beispiel zu sehen, dass das Sein der Tiere unsere gewöhnliche Vorstellungswelt vollkommen überfordert, möchte ich zuerst kurz Heideggers Wahrheitsbegriff vorstellen, um diesen dann einem malenden Elefanten theoretisch überzustülpen. Dies wird zwar nicht umfassend funktionieren, bringt uns aber letztlich der Frage nach dem Sein der Tiere ein wenig näher.</p>
<p>„Erde durchragt nur die Welt, Welt gründet sich nur auf die Erde, sofern die Wahrheit als der Urstreit von Lichtung und Verbergung geschieht. Aber wie geschieht Wahrheit? Wir antworten: sie geschieht in wenigen wesentlichen Weisen. Eine dieser Weisen, wie Wahrheit geschieht, ist das Werksein des Werkes. Aufstellend eine Welt und herstellend die Erde ist das Werk die Bestreitung jenes Streites, in dem die Unverborgenheit des Seienden im Ganzen, die Wahrheit, erstritten wird.“[2]</p>
<p>Kunst bedeutet bei Heidegger offensichtlich, am Werk zu sein und dadurch Wahrheit zu eröffnen bzw. zu erkämpfen. Man darf sich diese Unverborgenheit als Wahrheit eben nicht als einmaligen und endgültigen Akt vorstellen, denn damit wäre man in Bezug auf Heideggers Ausführungen zur Seinsgeschichte auf dem Holzweg; auf dem falschen wohlgemerkt. Heideggers Vorstellung von Wahrheit bewegt sich vielmehr innerhalb einer doppelten Bewegung, wobei die eine von seinsgeschichtlicher Art ist (Geworfenheit) und die andere das Dasein selbst betrifft (Entwurf), welche natürlich in der ersten Bewegung – im seinsgeschichtlichen Zusammenhang – steht. Sein seinsgeschichtliches Wahrheitsverständnis kann somit als epochales Spiel von Lichtung und Verbergung aufgefasst werden (es gibt nahezu keine endgültigen Wahrheiten in Heideggers Philosophie bis auf die bekannten Tautologien, wie das Ängsten der Angst, das Welten der Welt etc., die außerhalb der jeweiligen seinsgeschichtlichen Epoche stehen[3]). Wahrheit ist etwas, das passiert und alles was passiert bzw. sich ereignet, vergeht auch wieder. Kunst ist nach Heidegger eine derartige Weise (wie z.B. auch Philosophie, Staatsgründung etc.), wie Wahrheit gelichtet werden kann. Kunst ist sozusagen eine Bedingung der Möglichkeit für die Lichtung von Wahrheit und somit wesentlich <em>Streit</em>. Das müsste dann aber auch bedeuten, dass Organismen, die kunstfähig sind, auch wahrheitsfähig sind und dies müsste sich dann auch noch irgendwie zeigen – von sich selbst her, um strengen phänomenologischen Ansprüchen zu genügen.</p>
<p>In <em>Sein und Zeit</em> stellt Heidegger bekanntlich unter anderem die Frage nach den verschiedenen Seinsmodi bzw. Seinsweisen, um schließlich das Dasein, das immer schon Welt hat, herauszustellen und auffällig zu machen. Überdies konstatiert er eine Vielzahl von unterschiedlichen Seinsweisen, aber nicht mehr. Eine Bearbeitung der Frage nach anderen Formen des Seins, außer den außergewöhnlich amüsanten Zeug-Analysen, findet sich jedoch nirgendwo direkt in Heideggers Werk.[4] Am ehesten können noch seine Ausführungen zum Kunstwerk als Versuch angesehen werden, dessen Seinsweise zu enthüllen, was aber nicht umfassend gelungen ist. Heideggers Gedanken zum Leben als tierische Seinsweise (im Folgenden als das Sein der Tiere bezeichnet) sind fragmentarisch, was hier noch als Euphemismus aufgefasst werden muss. Doch handelt es sich dabei nicht um eine strukturelle Schwäche von Heideggers Denkbemühungen, sondern um die fest zum Programm gehörende Vorläufigkeit seines Denkens – daher auch der Titel der Gesamtausgabe: „Wege nicht Werke“. Man kann daher mit gutem Recht behaupten, dass dieses „Elbisch“ aus Todtnauberg einem nicht immer sofort verständlich ist, da man sich zumeist auf die Suche nach anderen passenden Fragmenten aus seinem Werk begeben muss – Frau bzw. Mann kommt um den Holzweg nicht herum.<br />
In einer Abhandlung zu Heraklit findet sich in Bezug auf das Sein der Tiere folgender Absatz:</p>
<p>„Das Aufgehen des Tieres zum Freien bleibt auf eine zugleich befremdende und bestrickende Weise in sich verschlossen und gebunden. Sichentbergen und Sichverbergen sind im Tier auf eine Art einige, daß unser menschliches Auslegen kaum Wege findet, sobald es die mechanische Erklärung des Tierwesens, die jederzeit durchführbar ist, ebenso entschieden meidet, wie die anthropomorphe Deutung. Weil das Tier nicht spricht [aber sich offensichtlich doch den Seinen mitteilen kann – WH.], haben Sichentbergen und Sichverbergen samt ihrer Einheit bei den Tieren ein ganz anderes Lebe-Wesen.“[5]</p>
<p>Nun können wir – getreu phänomenologischer Etikette – unseren Blick auf das richten, was sich uns zeigt. In diesem Fall auf künstlerische Akte, welche von Tieren vollbracht werden bzw. besser gesagt: Verhaltensweisen von Tieren, die aussehen wie künstlerische Tätigkeiten, welche sonst gewöhnlich nur dem <em>animal rationale</em> vorbehalten sind. Mir ist natürlich bewusst, dass ein Vergleich zwischen Menschenkunst und Tierkunst eigentlich schon ein falscher Ansatz ist, weil damit das Tun des Tieres mit einer menschlichen Vorstellung in Einklang gebracht wird. Doch ist es mir leider nicht möglich, eine tierische Sicht der Dinge einzunehmen, sondern mir bleibt auch nur mein Standpunkt, der mal mehr und mal weniger menschlich ist. Und um es noch einmal klarzustellen: Ganz im Sinne Heideggers geht es in diesen Überlegungen nicht um „idyllische Schäferei und Naturmystik“[6], sondern um eine Erörterung der Wahrheitsfähigkeit im Hinblick auf das Sein der Tiere und deren Konsequenzen, was offensichtlich in<em> Sein und Zeit </em>und auch in späteren Werken Heideggers noch unbedacht geblieben ist.</p>
<p>In letzter Zeit sind im Internet immer wieder Berichte aufgetaucht, die einen Elefanten zeigen, wie er einen Elefanten malt.[7] Eher abstrakte Kunstwerke gemalt von Elefanten werden bekanntlich schon seit einiger Zeit am Kunstmarkt gehandelt, aber ein Elefant, der sich selbst oder einen Artgenossen zeichnet, ist etwas völlig Neues. Ohne nun auf erkenntnistheoretische Aspekte dieses Tuns einzugehen, steht hier offensichtlich fest, dass der Elefant etwas kann, das sonst nur dem Menschen zugestanden wird. Biologen haben natürlich sofort kritisiert, dass es sich hier um keine wirkliche Sensation handelt, sondern einfach um ein erlerntes Verhalten des Elefanten – einfachste Nachahmung, sonst nichts. Abgesehen davon, dass diverse Kunsttheorien auf Nachahmung aufbauen (Mimesis), zeigt sich schon in der Auswahl der Farbe und im restlichen Akt, dass es sich um mehr handelt als bloße mechanische Repetition. Natürlich ist der Pinsel für den Elefanten kein Malzeug – er hat Heidegger mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gelesen. Aber in diesem Vorgang entfaltet sich ein etwas, das wir lediglich bestaunen, aber nicht erklären können und das Staunen ist ja seit Aristoteles ein Grundzug der Philosophie.</p>
<p>Phänomenologisch gesehen kann sich uns natürlich nicht zeigen, ob Tiere wahrheitsfähig sind oder nicht (Anthropomorphismus), sondern nur, dass Tiere fähig sind, etwas zu machen, das wir als Kunst bezeichnen und das, nicht nur bei Heidegger, gerne mit Wahrheit in Verbindung gebracht wird. Der alte Mann und die Dickhäuter passen also zueinander, auch wenn sich das Sein der Tiere vom Dasein wesentlich unterscheidet. Dennoch bleibt mehr als die bei Tierliebhabern und -schützern gängige Meinung, Tiere seien weder Vorhandenes noch Zuhandenes. Das Sein der Tiere bleibt dem Dasein nämlich unerschlossen und zeigt sich weder an Delphinen, die durch Ringe springen, noch an Hunden die zum Zeitvertreib Agility machen.</p>
<p>Frau bzw. Mann darf aber vermuten, dass die Welt der Tiere ein<em> tertium datur</em> zwischen offen und geschlossen darstellt, dem das <em>zoon logon echon</em> mit seinem Denken nie gerecht werden kann. Doch gewährt bzw. schenkt das Sein der Tiere dem Dasein ein Mitsein, das sich offensichtlich auch auf der Ebene einer künstlerischen Auseinandersetzung abspielen kann.</p>
<p>Das Sein der Tiere hat höchstwahrscheinlich und allem Anschein nach, wenn es sich in einer zwar erlernten, aber doch selbstständig ausgeübten künstlerischen Tätigkeit – was beim Menschen im Endeffekt nicht großartig anders abläuft – manifestiert, seine eigene, dem Dasein verhüllte Lichtung. Damit will ich nicht behaupten, dass Tiere über eine Geschichte im Sinne der Geschichte des Abendlandes oder der Seinsgeschichte verfügen, sondern vielmehr eine von Heideggers Denkfiguren schicklich einbringen: Das Sein ist nicht fassbar, es verbirgt sich und das kann man getrost dem Sein der Tiere zugestehen und mit dem Arbeiten, was sich einem (eben in diesen ausgewählten Beispielen) zeigt. Daher ist es dem Dasein nicht möglich, wesentliche Merkmale des Seins der Tiere zu erschließen. Ich will dadurch nicht behaupten, Tiere hätten ihre eigene Sprache und würden sich über Fundamentalontologie und Seinsgeschichte unterhalten. Was ich aber konkret festhalten möchte, ist, dass Tiere miteinander kommunizieren, wie eine bezaubernde Affenlady unlängst demonstrierte, und vor allem, dass Tiere lernfähig und daher weit mehr sind als bloßer Rohstoff. Doch diese Folgerungen zu formulieren, bleibt den TierschützerInnen überlassen. Übrigens: Diese Überlegungen hätte ich auch anhand von malenden Affen durchführen können, aber man sagt deren Werke wären sehr abstrakt.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<ul>
<li>[1] Siehe hierzu: <a href="http://www.rtl.de/medien/service/ec7a-6ef2b-399e-25/drogenrazzia-papagei-festgenommen.html" target="_blank">http://www.rtl.de/medien/service/ec7a-6ef2b-399e-25/drogenrazzia-papagei-festgenommen.html</a>.</li>
<li>[2] Heidegger, Martin: Der Ursprung des Kunstwerkes, S 42, in: Heidegger, Martin: Holwege. 8. Auflage, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2003, S 1-74.</li>
<li>[3] Daher könnte man Heideggers Metaphysik bzw. deren Verwindung auch als tautologische Metaphysik bezeichnen, obwohl man sich natürlich ernsthaft fragen muss, ob das nicht jede Metaphysik ist, was diese letztlich zu einer Disziplin unter vielen der ’Pataphysik machen würde…</li>
<li>[4] „Als Seinsverfassungen, deren Klärung noch zu folgen hat, werden erwähnt: Bestand als Seinsweise der mathematischen Objekte, Leben als Seinsweise von Tieren, ferner das Sein der Sprache, des Mythos, des Kunstwerks, aber auch des Sein des „Übermächtigen“, des Göttlichen.“ Siehe hierzu: Thurnher, Rainer: Martin Heidegger, S 208, in: Röd, Wolfgang: Geschichte der Philosophie. Band 8, C.H Beck, München 2002, S 196-274.</li>
<li>[5] Heidegger, Martin: Aletheia (Heraklit, Fragment 50), S 266, in: Heidegger, Martin: Vorträge und Aufsätze. 10. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2004, S 249-274.<br />
[6] Heidegger, Martin: Der Spruch des Anaximander, S 348, in: Heidegger, Martin: Holzwege. 8. Auflage, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2003, S 321-373.</li>
<li>[7] Siehe hierzu:<a href="http://www.youtube.com/watch?v=He7Ge7Sogrk" target="_blank"> http://www.youtube.com/watch?v=He7Ge7Sogrk</a>.</li>
</ul>
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		</item>
		<item>
		<title>Geben, Nehmen, Tauschen</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Jul 2010 12:09:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rationalpark Direktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Bücher]]></category>

		<category><![CDATA[Publikationen]]></category>

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		<description><![CDATA[Dass GEBEN, NEHMEN und damit TAUSCHEN den Menschen niemals nur auf einer rein wirtschaftlichen Ebene betrifft, sondern ganz unterschiedliche Dimensionen des gesellschaftlichen Zusammenseins angeht, zeigt der 4. Band der rationalpark-Reihe »plateaus«.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-1439" title="geben_nehmen_tauschen" src="http://www.rationalpark.com/wp/wp-content/uploads/2010/07/geben_nehmen_tauschen.jpg" alt="geben_nehmen_tauschen" width="200" height="280" />GEBEN, NEHMEN, TAUSCHEN</strong><br />
Th. Gimesi, W. Hanselitsch (Hg.)<br />
rationalpark series | <em>plateaus</em>, No.4<br />
LIT Verlag, 2010<br />
Broschiert, 256 Seiten, ISBN 978-3-643-50072-4 | EUR 24,90 (unverbindl.  Preisempfehlung)</p>
<p>&#8220;Dass GEBEN, NEHMEN und damit TAUSCHEN den Menschen niemals nur auf einer rein wirtschaftlichen Ebene betrifft, sondern ganz unterschiedliche Dimensionen des gesellschaftlichen Zusammenseins angeht, zeigt der 4. Band der rationalpark-Reihe »plateaus«. 15 AutorInnen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen haben sich diesmal daran beteiligt und befördern Interessantes und Lesenswertes zu Tage, das vielleicht dazu verhilft, dass der Tausch auch außerhalb der Ökonomie mehr Beachtung findet, weil sich dieser eben nicht nur im Wechsel zwischen Geld und Ware sowie in jenem von Weihnachtsgeschenken (Stichwort: „gift economy“) erschöpft. Dass jedoch der Blick auf wirtschaftliche Tauschverhältnisse und ökonomische Abhängigkeiten nicht ausbleiben kann und darf, gebietet jegliche kritische Auseinandersetzung mit einer derart grundlegenden Thematik menschlicher Erfahrung.&#8221;</p>
<p>Folgende Texte sind enthalten:</p>
<ul>
<li>Gianluca Crepaldi: <em>Gabe und Schuld im außermoralischen, nichtökonomischen Sinne - Metaontologische Überlegungen vor, mit und nach Heidegger</em>.</li>
<li>Sebastian Fink: <em>Der unmögliche Tausch? Handeln mit Göttern im Alten Orient</em>.</li>
<li>Thomas Gimesi: <em>Die unteren 10.000 - Christliches Weltbild, Neoliberalismus und das Stigma der      Armut in Österreich.</em></li>
<li>Werner Hanselitsch: <em>Über das Spielen - Verführung und Bildkomputation</em>.</li>
<li>Stefan Hebenstreit: <em>Hitlerweck und Kaisersemmel - Wahlkampfgeschenke und politisch-propagandistische<br />
Devotionalien aus dem Backofen</em>.</li>
<li>Marion Kraml: <em>Viele Vertriebene und eine Gebliebene - RomanistInnen im Nationalsozialismus unter besonderer<br />
Berücksichtigung der Geschichte Elise Richters</em>.</li>
<li>Andreas Kriwak: <em>Der Andere als Gabe - Über die Notwendigkeit des Politischen</em>.</li>
<li>Thomas Müller: <em>Der europäische Verfassungsverbund - Geben, Nehmen und Tauschen im europäischen<br />
Mehrebenenverfassungssystem</em>.</li>
<li>Armin Monsorno: <em>Das Ungedachte - Die Gabe des Kinos</em>.</li>
<li>Remigius Orjiukwu: <em>Teilen - Höhepunkt menschlicher existentieller Selbstentfaltung</em>.</li>
<li>Bernhard Pöckl: <em>Gib mir deinen Kopf, ich geb&#8217; dir meinen - Eine literaturwissenschaftliche Groteske</em>.</li>
<li>Annegret Waldner: <em>Gang und gäbe</em>.</li>
<li>Christian Warta: <em>Traditionen des Nehmens - &#8220;Frontier-Geschäfte&#8221; in Westpapua</em>.</li>
<li>Andreas Wiesinger: <em>Kommunikativer Austausch in Webchats - Dialogische Notate zum kommunikativen Austausch in<br />
Webchats</em>.</li>
<li>Simone Wörer: <em>Teil-Gabe und Teil-Nahme - Patriarchatskritische Überlegungen zur<br />
zivilisationspolitischen Dimension der Gabe</em>.</li>
</ul>
<blockquote><p><strong>K A U F E N</strong><br />
Erhältlich im gut sortierten Buchhandel, bereits gesehen bei diesen <a href="http://www.rationalpark.com/wp/kaufen-warum-nicht/" target="_self">Anbietern</a>.</p></blockquote>
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		<item>
		<title>Zur Geschichte des/der Psychiaters/in</title>
		<link>http://www.rationalpark.com/wp/2010/02/zur-geschichte-desder-psychiatersin/</link>
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		<pubDate>Mon, 22 Feb 2010 20:37:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Tilg</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>

		<category><![CDATA[Publikationen]]></category>

		<category><![CDATA[antirassismus]]></category>

		<category><![CDATA[philosophie]]></category>

		<category><![CDATA[tagung]]></category>

		<category><![CDATA[tirol]]></category>

		<category><![CDATA[vortrag]]></category>

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		<description><![CDATA[Vortrag von Dr. Bernhard Tilg anlässlich der Tagung zur Geschichte der Psychiatrie an der UMIT - Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, medizinische Informatik und Technik, vom 2.-3. Oktober 2009 in Hall in Tirol.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><img class="alignleft size-full wp-image-1245" title="psychiatrie" src="http://www.rationalpark.com/wp/wp-content/uploads/2010/02/psychiatrie.jpg" alt="psychiatrie" width="175" height="135" />&#8220;Mein Ungenügen hat mich der kargen Lyrik des Zitierens überantwortet.&#8221;<br />
Michel Foucault (2001, S. 11)</p>
<p>Sehr geehrte Damen und Herren, geehrtes Publikum!</p>
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<p class="MsoNormal">Beginnend darf ich mich bei den Organisatorinnen dieser Tagung für die Gelegenheit, hier zu sprechen, bedanken. Eine recht ungewöhnliche Gelegenheit für mich, da ich im Gegensatz zu den Referentinnen vor mir bei dieser Tagung zur<em> Geschichte der Psychiatrie</em> weder Mediziner, noch Medizinhistorikerin, weder Ethnologe oder Spezialistin in einer bestimmten historischen Periode der Psychiatriegeschichte und auch nicht im medizinisch-therapeutischen Bereich tätig bin, sondern vielmehr von der Philosophie her komme. Und Philosophen haben ja bekanntlich ein sehr eigenwilliges Verhältnis zur Wirklichkeit, zumindest seit Platon die Weltverdoppelung herbeigeführt und die überhimmlischen Orte der wahrhaft seienden Ideen erschaffen hat. Seit diesem Zeitpunkt zumindest begleitet eine problematische Beziehung zur Wirklichkeit den Gang der Philosophie. Mehr als zweitausend Jahre später aktualisiert Wittgenstein diese Situation und verteidigt das Sprachspiel der Philosophie, indem er beschreibt, wie zwei Philosophen in einem Garten darüber debattieren, ob der Baum, unter welchem sie sitzen, nun tatsächlich ein Baum ist oder eben nicht. Dabei zeigt einer der beiden auf den Baum und sagt: „Das ist ein Baum!&#8221; Ein <em>Irrenarzt</em>, wie Wittgenstein die Psychiater nennt, der diese Szene zufällig beobachtet und nicht weiß, dass sich hier zwei Philosophen unterhalten, könnte dann fragen: „Was ist das?&#8221; und dabei auf den Baum zeigen. Abhängig von der Antwort wird er dann den einen oder im besten Falle beide für verrückt erklären.</p>
<p class="MsoNormal">Noch vor Wittgenstein seine Gedanken hinsichtlich Lebensform und den damit unauflöslichen Sprachspielen zu Papier bringt, ist es der &#8220;weltberühmte Psychologe und Zeitgenosse von Freud, Carl Gustav Jung&#8221; (vgl. Hinshaw, Fischli (Hg.), 1986, S. XIV), der bei seinem Besuch der Taos Pueblos in New Mexiko erstmalig mit <em>Indianern</em> zusammentrifft und sich mit ihnen über die Europäer unterhält. Dabei erfährt Jung viel Erstaunliches, auf das er später immer wieder bei verschieden Gelegenheiten zurückkommt und berichtet:</p>
<p class="MsoNormal">&#8220;Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Häuptling der Pueblo Indianer &#8230; Er sprach zu mir über seinen Eindruck vom weißen Mann und meinte, die Weißen seien ständig von Unruhe geplagt, immer auf der Suche nach etwas; deshalb seien ihre Gesichter von Runzeln durchzogen, was ihm als ein Beweis ewigen Unfriedens erschien. Ochwiay Biano war zudem der Ansicht, die Weißen seien verrückt, denn sie behaupteten ja, dass sie mit dem Kopf dächten, wo es doch allgemein bekannt sei, dass nur die Verrückten dies täten.&#8221; Daraufhin fragte Jung den Häuptling erstaunt, wie denn er denke, und &#8221; &#8230; ohne zu zögern antwortete er, natürlich denke er mit dem Herzen.&#8221; (ebd. S. 257)</p>
<p class="MsoNormal">Darüber, dass die Weißen verrückt sein müssen, schienen sich die so genannten amerikanischen Wilden einig zu sein. Einige Jahrzehnte früher diagnostizierte ein Oglala Sioux die <em>Krankheit des weißen Mannes</em> mit ähnlichen Worten und in bestechender Logik: &#8220;In diesem Herbst (1883) &#8230; wurden von den Uaschitschun (Weißen) die letzten Büffelherden hingeschlachtet. &#8230; Die Uaschitschun töten sie nicht, um sie zu essen; sie töten sie wegen des Metalls, das die Leute wahnsinnig macht, und sie nahmen nur die Häute, um sie zu verkaufen. Manchmal nahmen sie nicht einmal die Häute, sondern nur die Zungen. &#8230; Da könnt ihr sehen, dass die Menschen, die solches taten, nicht bei Verstand waren.&#8221; (Forbes, 1981, S. 44)</p>
<p class="MsoNormal">Neben Jung, der die <em>edlen Wilden</em> persönlich besucht, denkt auch Sigmund Freud nach über das <em>Seelenleben der Wilden</em> und mit <em>Totem und Tabu</em> treibt er nicht nur die Entwicklung der psychoanalytischen Theorie voran, sondern leistet darüber hinaus auch einen äußerst wirkungsvollen Beitrag zu einer <em>Theorie der Zivilisation</em> und der Trennung von Natur und Kultur. Bezeichnend der Untertitel: <em>Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker</em>. Dabei bezieht sich Freud unter anderem auf die Völkerpsychologie von Wilhelm Wundt und die dort formulierten Gesetze der Zivilisationsentwicklung. Ebenso sind es die Schriften von Sir James Frazer, die Freud rezipiert und auf welche er sich in seinen Formulierungen stützt. Wittgenstein ist es dann wiederum, der an den Auffassungen Frazers kein gutes Haar lässt und ihm vorwirft, schlichtweg unfähig zu sein, eine andere als die eigene sprich viktorianische Lebensform anzuerkennen und nur in Ansätzen verstehen zu wollen. Kurz nach dem Erscheinen von Totem und Tabu ist Bronislaw Malinowski bereits auf den Trobriand-Inseln im Pazifik gezwungen, seinen Forschungsaufenthalt durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges entschieden zu verlängern und in in weiterer Folge werden die Forschungen der modernen Anthropologie und Ethnologie Freuds Kulturkonstrukt und mithin jede linear-evolutionäre Theorie der Zivilisation zunehmend ins Reich der Fantasie verweisen.</p>
<p class="MsoNormal">&#8220;Wenn Freud, der die Werke der wissenschaftlichen Afrika-Eroberer Stanley und Baker aufmerksam rezipiert hatte, auf seinem eigenen Weg zum Ruhm sich für das &gt;wahre innere Afrika&lt; &#8230; entschied, so bewies er mit der Wahl seiner Forschungsrichtung einen vorzüglichen imperialen Instinkt.&#8221; (Sloterdijk, S. 930f), dem auch seine Schüler/innen folgen und im Gegensatz zu ihrem Meister gemeinsam mit Ethnologinnen und Anthropologen aufbrechen, um das <em>Seelenleben der wilden Völker</em> vor Ort zu studieren. Und so wie die <em>Hottentotten, in ihrer unmenschlichen Hässlichkeit</em> in keinem Standardwerk der Anthropologie des 19. Jahrhunderts fehlen durften, werden ab Mitte des 20. Jahrhunderts die <em>Träume der Wilden</em>, ihr <em>Aberglaube</em> und ihre scheinbar kindlichen sprich magischen Vorstellungen der Welt zu einem zentralen Forschungsbereich der Ethnopsychoanalyse ebenso wie der Anthropologie und Ethnologie.</p>
<p class="MsoNormal">Das Problem dabei besteht aber darin, dass die Geister, wie es in einem haitianischen Sprichwort heisst (vgl. Duerr, S. 204), die Insel verlassen, sobald die Ethnopsychiater und Anthropologinnen auftauchen, und diese mithin nie (!) die Gelegenheit haben werden, die Geister und Schamanen <em>wirklich</em> zu Gesicht zu bekommen. Ein Zauberer, der behauptet fliegen zu können, ein Schamane oder eine Heilerin, die mit obskuren Praktiken gegen die Verhexung ihres Klienten ankämpft, all das und noch viel mehr muss darum den Ethnopsychoanalytikerinnen wie den Anthropologen äußert verdächtig erscheinen. Und so ist es dann auch Georges Devereux, der Mit-Erfinder der Ethnopsychoanalyse, der die Situation in den Griff bekommt und den Schamanen als einen <em>Psychotiker im Zustand einer temporären Remission</em> (vgl. Duerr,1985, S. 71) definiert. So &#8220;&#8230;wird von alten Schamanen berichtet, die in schamanistischer Trance ohne sichtbare Erschöpfung stundenlang tanzen und gewaltige Luftsprünge vollführen. Ähnliche Phänomene kennt jeder Psychiater, der erleben mußte, wie ein akuter Psychotiker von mehreren starken Männern kaum zu bändigen ist.&#8221; (Heller, 2003, S. 175) Entsprechend dieser Ansicht werden Schamanen, Hexen oder Zauberinnen aus der Sicht der westlichen Wissenschaft als geisteskrank verstanden und in der Sprache der zeitgenössischen Psychopathologie klassifiziert.</p>
<p class="MsoNormal">Synonym mit dem nordasiatischen Schamanismus wurde der Begriff der arktischen Hysterie verwendet und der Schamane als <em>Idiot</em> oder als <em>neurotischer Epileptiker</em> bezeichnet.“ (vgl. ebd. S. 166). Devereux geht aber noch weiter, und behauptet: „Primitive religion and in general quaint primitive areas are organized schizophrenia.“ (zitiert nach: Duerr, 1985, S. 19) Damit ist das <em>radikal Andere, </em>welches der fliegende und heilende Schamane darstellt und mithin die Welt der <em>Wilden</em> und <em>Primitiven</em> gebannt und schlicht als geisteskrank denunziert. Die abendländische Vernunft und ihre Monster behalten die Oberhand.</p>
<p class="MsoNormal">&#8220;Wir sagen dann: Wenn <em>ich</em> das täte, was der Schamane tut, dann wäre <em>ich</em> ein Fall für den Psychiater.&#8221; Nur mit der Frage, was wäre wenn&#8230; ist an dieser Stelle nicht viel auszurichten. Der Anarchist und Anthropologe Alfred Radcliff Brown kontert mit der Frage: Was wäre, wenn <em>ich</em> ein <em>Pferd</em> wäre? Wäre ich dann auch ein Fall für den Psychiater oder würde mir einfach das Gras nicht schmecken? (vgl. Duerr, 1985, S. 205) Wittgenstein formuliert an dieser Stelle sinngemäß ein Koan und stellt fest: Wenn einer sagt: “Ich habe einen Körper” den möchte ich fragen: “Wer spricht mit diesem Mund?”</p>
<p class="MsoNormal">Wichtig bei dieser Betrachtung ist auch die Tatsache dass in fast allen nichtwestlichen Kulturen außergewöhnliche Bewusstseinszustände grundsätzlich als wertvoll gelten (vgl. Heller, 2003, S. 164) und entsprechend ihren Platz und ihre Funktion in den jeweiligen Gesellschaften einnehmen. Nichts desto trotz wird aber auch in außereuropäischen oder so genannten primitiven Gesellschaften sozial abweichendes Verhalten sanktioniert, und insofern ist vielleicht Devereux&#8217; Beschreibung der <em>Wilden</em> als <em>Schizophrene ohne Tränen</em>, sprich ohne das Leid, welches die in Europa bekannten Einkerkerungspraktiken den Irren zufügen, zu sehr seiner Vorliebe für den <em>edlen Wilden</em> geschuldet. Wichtig dabei aber ist, dass mit dem Entstehen der Ethnopsychoanalyse der vorherrschende &#8220;ethnozentrische Imperialismus der klassischen Psychiatrie&#8221; (vgl. Schneider, 2001, S. 32) gebrochen wird und es nicht zuletzt das &#8221; &#8230; Verdienst der Ethnopsychologie ist – einer modernen Form der klassischen Völkerpsychologie – in den letzten vier bis fünf Jahrzehnten die abendländischen Vorstellungen von &#8216;geistiger Gesundheit&#8217; und &#8216;Normalität&#8217; nachhaltig erschüttert und deren sozio-kulturelle Relativität erwiesen zu haben.&#8221; (ebd. S. 31)</p>
<p class="MsoNormal">Es ist diese Allianz zwischen Ethnologie und Psychoanalyse seit dem frühen 20. Jahrhundert, die Michel Foucault dazu bewegt, beide Wissenschaften 1966 (<em>Die Ordnung der Dinge</em>) in seiner Geschichte der Humanwissenschaften als <em>Gegenwissenschaften</em> zu thematisieren und zu privilegieren. Foucault, der ja dabei ist, eine <em>Ethnologie der eigenen Kultur</em> zu erarbeiten und mithin der Ethnologie als Wissenschaft vom kulturell Fremden eine neue Zielrichtung vorgibt, wird 1961 einen ersten Ansatz mit <em>Wahnsinn und Gesellschaft</em> in diese Richtung vorlegen. Sein Forschungsgegenstand sind nun nicht mehr die <em>unvernünftigen</em> und <em>irrationalen Wilden</em>, sondern die in unseren abendländischen Gesellschaften ausgegrenzten und mithin eingesperrten <em>Irren</em> und die damit verbundene Formierung eines medizinisch-juristischen Dispositiv, in welchem die Formen des Wahnsinn verhandelt werden. Seine unerfüllbare Hoffnung besteht darin, in der „ … Geschichte jenen Punkt Null der Geschichte des Wahnsinns zu finden, an dem der Wahnsinn … noch nicht durch eine Trennung gespaltene Erfahrung ist“ (Foucault, 1969, S. 7), die eingekerkert und eingekreist von den Fragen der Humanwissenschaften zum Schweigen verstummt ist. „Die Sprache der Psychiatrie, die ein Monolog der Vernunft <em>über</em> den Wahnsinn ist, hat sich nur auf einem solchem Schweigen errichten können“ (ebd. S. 8). Foucaults Versuch besteht nun darin, eine Archäologie dieses Schweigens zu schreiben, zu welchem die <em>Irren</em> seit Anbeginn des Zeitalters der Vernunft verurteilt waren. Später wird Foucault seine Einschätzung hinsichtlich der Psychoanalyse radikal revidieren und diese als Geständnistechnologie der Gegenwart aus der Tradition der abendländischen katholischen Beichte bestimmen. Er erkennt den abendländischen Menschen zunehmend als Geständnistier um 1976 (<em>Der Wille zum Wissen</em>) den Bruch mit der Psychoanalyse endgültig zu vollziehen. In diesem Zusammenhang sieht Foucault die Diskursivierung des Menschen nicht bestimmt durch repressive, sondern vielmehr durch produktive Verhältnisse.</p>
<p class="MsoNormal">Allerorts werden die Menschen aufgefordert, ihr Innerstes nach Außen zu kehren, um im Geständnis, der Beichte oder im Zuge einer Analyse oder Psychotherapie Zeugnis abzulegen vom Menschlichen. Die Menschen sind gezwungen, Auskunft zu geben und zugleich weicht dieser Zwang zunehmend einem Wunsch zu sprechen. Von der Talkshow bis in die Behandlungszimmer der Psychoanalytiker findet sich diese Linie, auf der die Menschen zum Sprechen angehalten sind, um die <em>Wahrheit</em> über sich selbst und ihre <em>Krankheit</em> in Erfahrung zu bringen. Demzufolge hat sich die Zahl derer, die im Rahmen einer klassischen Psychoanalyse oder der verschiedensten anderen Psychotherapieformen ihrer Ohren vermieten, in den letzten Jahren geradezu vervielfacht und ein ganzes Spektrum neuer Berufsfelder im psychisch-therapeutischen Bereich ist entstanden. Die Entwicklung relativ nebenwirkungsarmer Antidepressiva und anderer Psychopharmaka ermöglicht eine zunehmend flächendeckende Behandlung der in zunehmenden Ausmaß diagnostizierten Depressionserkrankungen. <em>Mother&#8217;s Little Helper</em> - die kleinen farbigen Pillen sind teil der Alltagskultur geworden und seit Beginn der<em> Prozac-Revolution</em> schlucken Millionen Menschen in den ersten Welten ihr tägliches Quantum. In den psychiatrischen Anstalten sind die eisernen Ketten und Käfigbetten dem massiven Einsatz von Psycho-Drogen gewichen. Ebenso verhält es sich Haftanstalten: auch dort ist der verordnete Konsum von Psychopharmaka in hoher Anzahl und Dosierung an der Tagesordnung.</p>
<p class="MsoNormal">&#8220;Noch 1815 – wenn man einem Bericht, der dem <em>House of Commons</em> vorgelegt wurde, glauben will – stellte das Hospital von Bedlam jeden Sonntag Irre für einen Penny aus. Das jährliche Einkommen dieser Ausstellung betrug etwa 400 Pfund, was die erstaunlich hohe Zahl von 96.000 Besuchern jährlich bedeutet. In Frankreich blieb … die Schaustellung der Irren bis zur Revolution eines der Sonntagsvergnügen der Bourgeoisie.&#8221; (ebd. S. 138) Ein zeitgenössischer Beobachter stellt dazu kritisch fest, dass die<em> Irren</em> &#8221; … wie seltsame Tiere dem erstbesten Trottel vorgeführt werden, der bereit war Geld zu geben. … Man lässt die Wärter die Irren ausstellen, wie der Dompteur auf dem Jahrmarkt die Affen zeigt. Einige der Wärter waren bekannt, für ihr Geschick, die <em>Irren</em> Tänze und Akrobatik vorführen zu lassen, während sie mehrmals mit der Peitsche knallten.&#8221; (ebd.) Später dann, werden die Irren, die gerade bei Verstand sind, ihre Leidensgenossen vorführen und es gibt Schauspielvorstellungen, bei welchen ihnen Rollen zugewiesen werden, bei welchen ein oberflächliches, verantwortungsloses und oft boshaftes Publikum sich an den bizarren Gebärden dieser Unglücklichen erfreut. (vgl. ebd. S. 139)</p>
<p class="MsoNormal">Und so stellt Foucault fest: &#8220;Bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts … blieben die Irren Monster … Lebewesen oder Sachen, die des Zeigens wert sind.&#8221; (ebd. S. 139), um dann zunehmend im Inneren der Anstalten zu verschwinden. Der Wahnsinn als das <em>Andere der Vernunft</em> ist eingekreist von einer Vielzahl medizinischer, juristischer, politischer, gesellschaftlicher Diskurse und als Krankheit bestimmt, deren Heilung der Zukunft und dem Fortschritt aufgegeben ist. Auf der Bühne aber hat der Wahnsinn ausgedient und wird zugleich ersetzt durch den ausgestellten <em>Wilden</em>, mit welchem ab Mitte des 19. Jahrhunderts die <em>Völkerschauen</em> versuchen das Andere der Vernunft zu inszenieren. Und so treten die <em>Wilden</em> an die Stelle der <em>Irren</em>: denn sowohl als auch fehlt es ihnen angeblich an vernünftigem Menschenverstand und dem richtigen Glauben. Insofern handelt es sich in beiden Fällen um gleichsam unvollständige Menschen. In ihnen scheint die Trennung von Natur und Kultur noch nicht ganz vollzogen zu sein und das wilde Tier im Menschen gewinnt zuweilen die Überhand.</p>
<p class="MsoNormal">Und gleichgültig ob in Chicago, Berlin oder in Wien werden die sogenannten Wilden wie zuvor die Irren auch aus wissenschaftlichen Überlegungen zur Schau gestellt. (vgl. dazu: Pöhl, 2007) Damit lässt sich behaupten: die sogenannten Wilden sind wie &#8220;(d)er Wahnsinn … etwas geworden, was man anschauen kann, nicht mehr ein Monstrum im Inneren des Menschen, sondern ein Lebewesen … eine Bestialität, in der der Mensch seit langem beseitigt ist.&#8221; (Foucault, 1969, S. 140) Und diese Bestialität ist es, welche das Publikum der europäischen Städte massenhaft in helle Aufregung versetzt. In Deutschland ist es nicht von ungefähr der Tierparkbesitzer und Importeur von <em>wilden Tieren</em> Carl Hagenbeck, der sein Sortiment tatkräftig ausbaut und um <em>Wilde</em> aller Art ergänzt. Schließlich strömten Hunderttausende in die Tierparks, die sich in ihrem Angebot die <em>natürliche Wildheit</em> zur Schau zu stellen geradezu überbieten. Beispielhaft für diese Gegebenheit ist das Schicksal von Abraham Ulrikab und seiner Familie: 1880 verlässt der zum Christentum bekehrte Abraham mit seiner Familie und einem Schamanen die Heimat im Polarkreis. Es ist der Seefahrer und Händler Johan Adrian Jacobsen, der im Auftrag Hagenbecks Abraham Ulrikab mit weiteren sieben Inuits vorerst nach Hamburg verfrachtet. Schlussendlich landen sie im Berliner Zoo und sind die Attraktion für ein abertausendfaches Publikum. Ihre geplante Tournee umfasste folgende Städte: Berlin, Frankfurt, Darmstadt, Krehfeld und Paris. Doch daraus wird nichts, weil bereits weniger als ein halbes Jahr nach der Ankunft in Europa am 16. Jänner 1881 das letzte Mitglied der Gruppe verstirbt. Man hatte ganz einfach darauf vergessen, sie gegen die Pocken zu impfen. (vgl. Lutz, 2005) Und so ergeht es dann den <em>Wilden</em> wie zuvor den <em>Irren</em>:</p>
<p class="MsoNormal">&#8220;Es gilt bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts als bekannt, dass die Irren unendlich elende Lebensbedingungen ertragen können. Man braucht sie nicht zu schützen, sie nicht zudecken und nicht zu wärmen. … Als 1811 Samuel Tuke ein <em>workhouse</em> … besucht, sieht er, wie das Licht durch vergitterte Luken in die Zellen dringt. Alle Frauen waren völlig nackt. &gt;Die Kälte war sehr streng, und am Vorabend zeigte das Thermometer 18 Grad Kälte. Eine der unglücklichen Frauen lag auf etwas Stroh, ohne eine Decke zu haben.&lt; Diese Fähigkeit der Wahnsinnigen, wie die Tiere die schlimmsten Witterungsverhältnisse zu ertragen, wird noch für Pinel ein medizinisches Dogma sein; stets wird er bewundern, mit welcher Standhaftigkeit Wahnsinnige beiderlei Geschlechts die schärfste und sehr lang anhaltende Kälte ertragen.&#8221; (Foucault, 1969, S. 144)</p>
<p class="MsoNormal">Einige Jahrzehnte später sind es nun die scheinbar wilden <em>Ashantee</em>, die 1896 im Wiener Tiergarten gastieren und trotz der herbstlichen Kälte nackt auftreten müssen. In der Beschreibung von Peter Altenberg, der sich ja speziell mit den Frauen dieser in seiner Diktion wunderschönen, exotischen Paradiesmenschen angefreundet hatte, lautet dies dann so:</p>
<p class="MsoNormal">&#8220;&gt;Es ist kalt und ganz feucht, Tíoko. Überall Wasserlachen. Ihr seid nackt. Warum diese dünnen Leinensachen?! Kalte Hände hast du, Tíoko. Ich werde dir sie erwärmen. Baumwoll-Flanell braucht ihr wenigstens, nicht gezwirnte Ware.&lt; Tioko antwortet: &gt;Wir dürfen Nichts anziehen, Herr, keine Schuhe, nichts, sogar ein Kopftuch müssen wir ablegen. Wilde müssen wir vorstellen. Ganz närrisch ist es.&lt;&#8221; (vgl. Altenberg, 1897)</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Literatur</strong></p>
<ul>
<li>Altenberg, Peter: Ashantee im Wiener Tiergarten, Bei den Negern der Goldküste, Westküste, Fischer, Berlin 1897.</li>
<li>Duerr, Hans Peter: Satyricon, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1985.</li>
<li>Duerr, Hans Peter: Traumzeit, Über die Grenzen zwischen Wildnis und Zivilisation, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1984.</li>
<li>Forbes, Jack D.: Die Wetiko Seuche, Eine indianische Philosophie von Aggression und Gewalt, Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 1981.</li>
<li>Foucault, Michel: Das Leben der infamen Menschen, Merve, Berlin, 2001.</li>
<li>Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft, Eine Geschichte des Wahnsinns im Zeitalter der Vernunft, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1969.</li>
<li>Freud, Siegmund: Totem und Tabu, Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker, Heller &amp; Cie, Leipzig und Wien, 1913.</li>
<li>Heller, Gerhard: Wie heilt ein Schamane in: Lang, Hermann (Hg): Wirkfaktoren in der Psychotherapie, Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2003.</li>
<li>Hinshaw, Robert und Fischli, Lea (Hg): Jung im Gespräch, Interviews, Reden, Begegnungen, Daimon Verlag, Zürich, 1986.</li>
<li>Lutz, Hartmut (Ed): The Diary of Abraham Ulrikab, Text and Context, University of Ottawa Press, 2005.</li>
<li>Pöhl, Friedrich: Tote und Lebende in: Gimesi, Thomas, Hanselitsch, Werner (Hg): Das Fremde im Raum, Lit-Verlag, Wien, Berlin, 2007.</li>
<li>Sloterdijk, Peter: Sphären II, Globen, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1999.</li>
<li>Schneider, Peter, K: Wahnsinn und Kultur, oder Die Heilige Krankheit, Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2001.</li>
<li>Wittgenstein, Ludwig: Über Gewißheit, Werkausgabe Band 8, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1984.</li>
</ul>
<blockquote><p><strong>L I N K S<br />
</strong></p>
<ul>
<li><a href="http://www.geschichtederpsychiatrie.at/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=47&amp;Itemid=54" target="_blank">Geschichte der Psychiatrie, 2.-3. Oktober 2009, UMIT, Hall in Tirol</a></li>
<li><a href="http://www.franz-boas.de/content/index.php?n=4&amp;c=4" target="_blank">Das Boas Projekt - Tagung der Arbeitsgemeinschaft im ZiF der Universität Bielefeld</a></li>
</ul>
</blockquote>
<p class="MsoNormal">
]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Gedanken zum Dossier 2009</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Oct 2009 17:21:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gianluca Crepaldi</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>

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		<description><![CDATA[Was ist Wissenschaft?
Keine Sorge, verehrter Leser, verehrte Leserin, wir wollen uns nicht in die philosophische Tiefe dieses Themas hinabwagen und Zitate anhäufen, was dieser oder jener Denker dazu schon Denkwürdiges festgehalten hat. Wir wollen uns zunächst mit der bloßen Feststellung begnügen, dass es sich dabei um eine zuhöchst streitbare Frage handelt. Das scheint eine triviale [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-full wp-image-956" title="gedanken" src="http://www.rationalpark.com/wp/wp-content/uploads/2009/11/gedanken.jpg" alt="gedanken" width="175" height="135" /><strong>Was ist Wissenschaft?</strong></p>
<p>Keine Sorge, verehrter Leser, verehrte Leserin, wir wollen uns nicht in die philosophische Tiefe dieses Themas hinabwagen und Zitate anhäufen, was dieser oder jener Denker dazu schon Denkwürdiges festgehalten hat. Wir wollen uns zunächst mit der bloßen Feststellung begnügen, dass es sich dabei um eine zuhöchst <em>streitbare</em> Frage handelt. Das scheint eine triviale Floskel zu sein und dennoch, man glaubt es kaum, viele Menschen, in und außerhalb „der“ Wissenschaft, haben dieses simple Faktum nicht auch nur ansatzweise verstanden, geschweige denn verinnerlicht.</p>
<p>Ich musste vergangenes Semester ein, für das Doktoratsstudium, verpflichtendes Privatissimum aus Wissenschaftstheorie absolvieren, weil man in der Planung des Curriculums – und das ist ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke – wohl zu dem Schluss gekommen ist, dass es ungünstig wäre, wenn jemand mit dem Titel des Doktors/der Doktorin eine Universität verlässt ohne einmal davon gehört zu haben, dass die fundamentalen Voraussetzungen eines Fachs mindestens reflexionswürdig, wenn nicht sogar grundsätzlich zu hinterfragen sind. Wissenschaftstheorie zu betreiben bedeutet zunächst einen Prozess in Gang zu setzen, im Laufe dessen man sich bewusst wird, dass die spezifischen Methoden und (Mess-)Instrumente einer bestimmten Disziplin nicht vom Himmel gefallen sind, sondern in einer Tradition von unterschiedlichen methodologischen Schulen resp. wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Ansätzen stehen, denen jeweils auch unterschiedliche ontologische Prämissen zugrunde liegen. Daraus folgt: Ideologie lauert an allen Ecken und Enden!</p>
<p>Geradezu konträr zu solcher Bewusstmachung verlief dann mein Seminar. In vier von sieben Blockeinheiten wurde überwiegend der kritische Rationalismus K.R. Poppers kritiklos referiert, vielleicht noch mit Querverweisen zu anderen Varianten des Positivismus. Die verbliebenen drei Seminarsitzungen füllte man noch mit Themen, wie etwa Fragen der „Gendergerechtigkeit“ wissenschaftlichen Arbeitens. Dieses Seminar war geradezu eine Rechtfertigungs- und Affirmationsveranstaltung für einen wissenschaftspositivistischen Mainstream, in dem „alternative“ Sichtweisen, keinen Platz hatten, was nicht genuin philosophisch geschulten Doktoranden das Bild vermitteln musste, dass es so ist und zu sein hat, dass man entweder die richtige Methode anwendet oder eben <em>unwissenschaftlich</em> widersprochen werden! arbeitet – tertium non datur! Bei aller Forschrittsgläubigkeit die manche an den Tag legen, verwundert es, dass genau jene im Wesentlichen beim Empirismus des 18. Jahrhunderts stehen geblieben sind – als ob es nie einen Nietzsche, einen Husserl, einen Freud, einen Heidegger, eine kritische Theorie oder eine Postrukturalismus-Debatte gegeben hätte. Dann darf man sich zum hundertsten Mal das Axiom der Axiome zu Gemüte führen: Nur Denken ohne Widersprüche sei wahrhaftes Denken. Dem müsste einmal mit aller Vehemenz <em>widersprochen</em> werden!</p>
<p>Diese Anekdote ist repräsentativ für zahlreiche Erfahrungen, die ich leider im Lehr- und Forschungsbetrieb der Universität machen durfte. Man kann sich kaum vorstellen, was unter der sich besonders „demokratisch“ gerierenden Oberfläche „aufgeklärter“ Institutionen an Irrationalem wuchert; und wie viele implizite Grundannahmen wissenschaftsinterne Spielregeln hervorbringen, die selten offen auf den Tisch gelegt werden. Man braucht dann nicht erst am Ast des „Establishments“ zu sägen, es reicht schon ein kleiner Windhauch, um die Agenten der „wahren Wissenschaft“ auf den Plan zu rufen und sie die nervös „Unwissenschaftslichkeits-Keule“ schwingen zu sehen. Oft genügt der Eindruck, dass man mit gewissen Fragen zu tief in das „Süppchen“ des Nachbarn geschaut hat, um unappetitliche Reaktionen heraufzubeschwören. Das allein wäre ein lustiges Spektakel, hätte es nicht traurige Konsequenzen, wie die zahllosen Intrigen, das gegenseitige Ausboten und Untergriffe der übelsten Sorte, von denen ich hören musste oder die ich indirekt und zum Teil direkt miterlebt habe.</p>
<p>Selbstverständlich wird auch „von Außen“ ideologieorientiert gesteuert, kontrolliert und definiert. Man denke nur daran, wie die (staatliche und nichtstaatliche) Forschungsförderung durch Drittmittel bestimmte Diskurse marginalisiert, die nicht „international wettbewerbsfähig“ sind. Massenmediale Öffentlichkeit und Politik haben zudem Begriffe wie „Universität“, „Wissenschaft“ und „Forschung“ unwiderruflich mit Vokabeln junktimiert, die eine ökonomistische Vereinnahmung der Bildungseinrichtungen längst schamlos und offen zur Schau stellen. Wann haben sie das letzte Mal etwas über Forschung gehört oder gelesen, wo nicht Wörter wie „Bachelor/Master“, „Ranking“, „Konkurrenzfähigkeit“, „Exzellenzinitiative“, „Top-Ausbildung“ oder „Eliteuniversität“ vorkamen? Die aktuellen Studentenproteste in Österreich sind kein Aktionismus „linker Randalierer“, sondern zeugen von einem sich ausbreitenden Unbehagen vieler Menschen, die sich nicht restlos als passiver Bestandteil in ein zusehends engmaschiger agierendes und verschultes System einfügen wollen.</p>
<p>Was das ganze mit dem Verein Rationalpark und der nunmehr vorliegenden dritten Publikation aus der Reihe ‚plateaus’ zu tun hat, möchte ich Ihnen verehrter Leser, verehrte Leserin nicht weiter vorenthalten. Vor nicht allzu langer Zeit kam mir zu Ohren, dass in gewissen Kreisen, die ich hier nicht weiter benennen möchte, dieser unser Verein als „Feinbild“ betrachtet wird und zwar aus nämlichen Gründen, denn was wir vorlegen, sei keine Wissenschaft, und noch viel weniger Philosophie. Ohne mich jetzt konkret in diese kleine Tratsch-Geschichte vertiefen zu wollen, kam ich durch diesen Anlassfall wiedereinmal ins Grübeln darüber, aus welchen Motiven jemand so argumentiert, oder genauer gesagt: nicht mehr argumentieren kann. Etwas als nicht wissenschaftlich abzuqualifizieren, geschieht – zumindest in meiner Wahrnehmung –fast ausschließlich, wenn jemand mit seinem Diskurslatein am Ende ist, die vorgefertigten Erklärungen verpulvert wurden und jemand heftig zu rudern beginnt, weil er um all das fürchtet, was Halt und Sicherheit gibt, aber leider auch Borniertheit und Verblendung verantwortet.</p>
<p>Es liegt mir fern, unseren Verein zur subversiven Untergrundorganisation zu stilisieren, die sich als oberste Agenda den Umsturz der althergebrachten Paradigmen gesetzt hat. Es ist viel banaler: Was offenbar Skepsis oder gar Ablehnung hervorruft, ist zunächst nicht einmal eine theoretisch-inhaltliche Divergenz, sondern vielmehr eine praktische. Es wird meiner Erfahrung nach von vielen bereits als anstößig empfunden, dass sich Studenten, Graduierte ohne wissenschaftliche Anstellung, Lehrende und Forschende aus unterschiedlichen Fächern zusammenschließen und selbstständig, abseits der eingesessenen Institution – der Universität –Wissenschaft betreiben und zwar vornehmlich in der Form autonomer Publikationen. Den Sanktus dazu – und jetzt wird es wirklich blasphemisch – gaben wir uns selbst.</p>
<p>Damit sind wir beim <em>Ursprung des Rationalparks</em>. Als mir Thomas Gimesi das erste mal von der Idee berichtete, einen Verein zu gründen, hätte ich mir nicht gedacht, dass wir eines Tages bei einer Generalversammlung zusammensitzen und auf ein Jahr geleistete Arbeit zurückblicken können, deren Output mehrere Publikationen waren. Das Projekt ist langsam gewachsen und war keineswegs ein Schnellschuss. Am Anfang standen kurze Artikel und Rezensionen auf einer überschaubaren Webseite, heute stehen wir bei einer regelmäßig erscheinenden, größtenteils selbst finanzierten und von einem treuen Mitgliederstab gestalteten Sammelbandreihe sowie einigen unregelmäßig erscheinenden Monographien. Es verwundert eigentlich nicht, dass bei Menschen, die sehr hohe Stücke auf den klassischen „Gang durch die Institutionen“ halten, der Verdacht aufkommt, ob es da wohl mit „Rechten Dingen“ zugeht. Schließlich müssen viele begabte Jungwissenschaftler lange genug ihren Professoren die Türklinke putzen, bis sie ins erlauchte Reich der Wissenschaftlichkeit eintreten können und die offizielle Bestätigung erhalten, dass sie nun reif sind, ihre Arbeit einer Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Schnell werden Einwände laut, die sagen: Da kann ja jeder kommen, was ist mit der Qualitätskontrolle?</p>
<p>Dazu möchte ich zweierlei anmerken. Erstens: Wir müssen nicht Foucault bemühen, um zu erkennen, dass dieser Begriff ein Euphemismus ist, hinter dem rigide Disziplinierungstechniken verbergen. Also von welcher Qualität kann hier die Rede sein, wenn nicht vornehmlich von Anpassung, Begrenzung und Ausschluss? Zweitens: Selbstverständlich gibt es Qualitätssicherung auch in unserem Verein, wenngleich nicht durch formalisierte, abstrakte Mechanismen und Verfahren der Be- und Aburteilung, sondern aus der Dynamik des Gemeinsamen heraus. Die Qualität der Beiträge, auch im aktuellen Band, spricht in puncto Wissenschaftlichkeit für sich selbst und jeder ist eingeladen sich ein unvereingenommenes Bild zu machen.</p>
<p>Es geht nicht darum, den Wert der Universität  und der institutionalisierten Wissenschaft gering zu schätzen, schließlich haben die Mitglieder des Vereins ihre Kenntnisse, ihre intellektuellen Feinwerkzeuge und ihre Fähigkeiten auch dort erworben. Zudem steht uns kein Bruch mit allen wissenschaftlichen Traditionen und Grundregeln vor Augen. Wir behaupten vielmehr, dass unsere Arbeit den formalen Ansprüchen von Wissenschaftlichkeit nicht nur genügt, sondern auch anregt diese kreativ weiterzuentwickeln oder kritisch zu hinterfragen, ohne der Beliebigkeit das Wort zu reden. Aber: Ob wir nun ehrwürdige Positionen an einer Forschungseinrichtung inne halten oder nicht, ist definitiv kein schlüssiges Kriterium, um über die Daseinsberechtigung, Wissenschaftlichkeit oder den Gehalt unserer Arbeit zu urteilen.</p>
<p>Leider – und das scheint ein Stück weit auch ein „österreichisches“ Phänomen zu sein – findet man ohne Titel und Position kaum gehör. Manchmal, wenn ich Zeitung lese oder Nachrichten sehe, bekomme ich das Gefühl in einer „Expertokratie“ zu leben, wobei der Begriff des Experten an formaltechnische und immer mehr ökonomische Kriterien – professioneller Rang, Publikationslisten, Erfolg bei Projektanträgen, internationale Konkurrenzfähigkeit – gebunden ist und nicht an inhaltliche. Es entsteht manchmal der Eindruck, als ob in einer Gesellschaft mit überbordendem Informationsfluss, immer mehr Menschen der wachsenden Komplexität mit verstärktem Vertrauen an die vermeintlich „Wissenden“ begegnen. Eine nicht ungefährliche Entwicklung, wenn fairer weise auch gesagt werden muss, dass die andere Seite der demokratischen Medaille, nämlich dass jeder im Grunde das gleiche wissen, tun und erreichen könnte, mindestens genauso falsch ist. Selbstredend gibt es qualitative Unterschiede und nicht alles was irgendwer denkt, schreibt oder publiziert ist auch hochwertig. Aber diese Unterschiede entscheiden sich an der Sache und nicht an ihrer formaltechnischen Garnitur.</p>
<p>Wir wollen nicht zu weit abschweifen – zurück zu „uns“: Was den Rationalpark für mich auszeichnet, ist gerade nicht eine gemeinsame Theorie oder Ideologie, noch weniger eine muffige „Vereinsmeierei“ mit billigen Identitätsangeboten à la „Wir gegen die Anderen!“. Wir kämpfen nicht gegen einen gemeinsamen Feind, haben keine parteipolitische Ambition und hängen keiner Weltverschwörungstheorie an. Was den Verein auszeichnet ist das, was er an Output generiert. Allerdings besteht der Affront für einige in der schlichten Existenz des Vereins, die aus einem rein praktischen Interesse als „Umgehung“ vorgezeichneter akademischer Bahnen zustande kam. Wir arbeiten in kleinen Schritten an unserer „freien Wissenschaft“, so problematisch und vage das auch klingen mag. Mögen wir in Hinkunft noch mehr Affront sein, der Umweg ist unser!</p>
<p>Ich schließe mit herzlichem Dank an die Herausgeber und Lektorinnen für die neuerlich hervorragende Arbeit bei der Vorbereitung dieser Publikation, sowie an alle Mitglieder, die sich mit hervorragenden Beiträgen beteiligt haben.</p>
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		<title>Ursprünge und Anfänge</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Oct 2009 07:16:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rationalpark Direktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Bücher]]></category>

		<category><![CDATA[Publikationen]]></category>

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		<description><![CDATA[ÜRSPRÜNGE UND ANFÄNGE
Th. Gimesi, W. Hanselitsch (Hg.)
rationalpark series &#124; plateaus, No.3
LIT Verlag, 2009
Broschiert, ISBN 978-3-643-50095-3 &#124; EUR 19,90 (unverbindl. Preisempfehlung)
&#8220;Konstruierte Ursprünge und Anfänge - und alle Ursprünge und Anfänge sind immer irgendwie &#8220;erfunden&#8221; - sind in der Wissenschaft nicht unbedingt beliebte und geachtete Denkfiguren. Nichtsdestotrotz kommt niemand an ihnen vorbei, unabhängig davon, wie die dazugehörige [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-full wp-image-872" title="urspruenge_und_anfaenge" src="http://www.rationalpark.com/wp/wp-content/uploads/2009/08/urspruenge_und_anfaenge.jpg" alt="urspruenge_und_anfaenge" width="200" height="280" /><strong>ÜRSPRÜNGE UND ANFÄNGE</strong><br />
Th. Gimesi, W. Hanselitsch (Hg.)<br />
rationalpark series | <em>plateaus</em>, No.3<br />
LIT Verlag, 2009<br />
Broschiert, ISBN 978-3-643-50095-3 | EUR 19,90 (unverbindl. Preisempfehlung)</p>
<p>&#8220;Konstruierte Ursprünge und Anfänge - und alle Ursprünge und Anfänge sind immer irgendwie &#8220;erfunden&#8221; - sind in der Wissenschaft nicht unbedingt beliebte und geachtete Denkfiguren. Nichtsdestotrotz kommt niemand an ihnen vorbei, unabhängig davon, wie die dazugehörige Argumentationsstruktur auch beschaffen sein mag (monokausal, &#8220;rhizomartig&#8221;, etc.). Denn trotz etwaiger Defizite tragen Ursprünge und Anfänge dazu bei, Entwicklungen sichtbar zu machen und bilden unerlässliche Orientierungspunkte, ohne die kein Denken auskommen kann. Im vorliegenden dritten Sammelband haben die AutorInnen des rationalparks diese Herausforderung angenommen und überzeugen erneut durch vielseitige Herangehensweisen und eine große Auswahl an unterschiedlichen Themen.&#8221;</p>
<p>Folgende Texte sind enthalten:</p>
<ul>
<li>Gianluca Crepaldi: <em>&#8216;O&#8217; – Origin – Ursprung. Wilfred Bions Konzeption der &#8220;letzten Realität&#8221; in Anlehnung an Kants &#8220;Ding an sich&#8221;.<br />
</em></li>
<li>Victoria Fill: <em>Der Göttinger Transferansatz. Vom Anfang eines Kulturrelativismus in der Übersetzungsforschung.<br />
</em></li>
<li>Werner Hanselitsch: <em>Der Beginn der europäischen Philosophie. Auch ein Beitrag zum Thema: Was ist Philosophie?<br />
</em></li>
<li>Marion Kraml: <em>Kennenlernen – Erkennen – Erkenntnis. Extension der universitären Forschung durch die kindliche Neugierde.</em></li>
<li>Andreas Kriwak: <em>a wie Anfang: Subjektkonstitution in der Psychoanalyse. Ein Drama in zwei Akten.<br />
</em></li>
<li>Thomas Müller: <em>Juristische Analyse der Ökonomik. Ursprünge und Anfänge.<br />
</em></li>
<li>Bernhard Pöckl: <em>Am Anfang war das Tentakel. Zum Genesisentwurf bei H. P. Lovecraft.</em></li>
<li>Friedrich Pöhl: <em>Philosophie und Rassismus. Über Ursprung und Kontinuität rassistischer Denkweisen.</em></li>
<li>Martin Steidl: <em>Anfangen oder aufgreifen? Zwischen endlicher Sprache und unendlicher Zeit.<br />
</em></li>
<li>Annegret Waldner: <em>Der Keller. Von der Ursprungslandschaft der Angst.</em></li>
<li>Andreas Wiesinger: <em>Bewerten im Netz. Ursprung des digitalen Ostrakismos.</em></li>
</ul>
<blockquote><p><strong>K A U F E N</strong><br />
Erhältlich im gut sortierten Buchhandel, bereits gesehen bei diesen <a href="http://www.rationalpark.com/wp/kaufen-warum-nicht/" target="_self">Anbietern</a>.</p></blockquote>
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		<title>Seele, Tod und Jenseits</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Oct 2009 07:15:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rationalpark Direktion</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Bücher]]></category>

		<category><![CDATA[Publikationen]]></category>

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		<description><![CDATA[SEELE, TOD UND JENSEITS
Antiker Grundriss, historische Ansichten und aktuelle Details zu Tirol und Österreich
Werner Hanselitsch
rationalpark series &#124; monograph, No. 2
LIT Verlag, 2009
Broschiert, 256 Seiten, ISBN 978-3-643-50072-4 &#124; EUR 24.90 (unverbindl. Preisempfehlung)
&#8220;Der Glaube an eine unsterbliche Seele in Verbindung mit unterschiedlichen Jenseitsvorstellungen wurde für das Denken und Hoffen in Europa durch die griechischen Philosophen der Antike fruchtbar [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-full wp-image-863" title="seele_tod_jenseits" src="http://www.rationalpark.com/wp/wp-content/uploads/2009/08/seele_tod_jenseits.jpg" alt="seele_tod_jenseits" width="200" height="280" /><strong>SEELE, TOD UND JENSEITS</strong><br />
<em>Antiker Grundriss, historische Ansichten und aktuelle Details zu Tirol und Österreich<br />
</em>Werner Hanselitsch<br />
rationalpark series <em>| monograph,</em> No. 2<br />
LIT Verlag, 2009<br />
Broschiert, 256 Seiten, ISBN 978-3-643-50072-4 | EUR 24.90 (unverbindl. Preisempfehlung)</p>
<p>&#8220;Der Glaube an eine unsterbliche Seele in Verbindung mit unterschiedlichen Jenseitsvorstellungen wurde für das Denken und Hoffen in Europa durch die griechischen Philosophen der Antike fruchtbar gemacht und später vom Christentum für seine Zwecke adaptiert. Das Christentum hatte und hat zur Vorstellung einer unsterblichen Seele ein ambivalentes Verhältnis, wie auch zu allen restlichen Ideen und theoretischen Werkzeugen der Philosophie. Dennoch muss sich auch der amtierende Papst (Benedikt XVI.) eingestehen, dass ein Dualismus, bestehend aus Leib und Seele, für den christlichen Glauben notwendig ist. Von naturwissenschaftlicher Seite aus gesehen hat heutzutage der Materialismus den Dualismus abgelöst und von der Vorstellung einer unsterblichen Seele ist lediglich ein endliches neuronales Muster übrig geblieben. Doch bedeutet das noch lange nicht, dass die Menschen, vor allem im Hinblick auf ihr Lebensende, sich mit ihrer Endlichkeit abgefunden haben, sondern dass sie auf andere Formen der Trauer- und Endlichkeitsbewältigung zurückgreifen.</p>
<p>Diese Arbeit stellt den Versuch dar, die Ursprünge der Seelen- und Jenseitskonzeption im antiken Griechenland, die Trauerkultur der Moderne und den gegenwärtigen Umgang mit dem Tod, vor allem in Tirol und Österreich, in einem Werk zu vereinen. Überdies enthält das vorliegende Buch drei unterschiedliche kulturwissenschaftliche Ansatzpunkte zur theoretischen Einordnung des Problems sowie eine Übersicht der gebräuchlichsten Jenseitsvorstellungen weltweit und von möglichen Positionen bezüglich einer Korrelation von Leib und Seele.</p>
<p>Eine genaue Verortung der Trauerkultur, des Glaubens an eine unsterbliche Seele und an ein ewiges Jenseits scheint im gegenwärtigen Durcheinander schier unmöglich zu sein, aber trotzdem wird der Versuch gewagt, die aktuelle Situation im Sinne einer &#8220;pluralistischen Jenseitstopologie&#8221; zu erhellen.&#8221;</p>
<blockquote><p><strong>K A U F E N</strong><br />
Erhältlich im gut sortierten Buchhandel, bereits gesehen bei diesen <a href="http://www.rationalpark.com/wp/kaufen-warum-nicht/" target="_self">Anbietern</a>.</p></blockquote>
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		<title>The medium is me</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Mar 2009 20:22:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andreas Wiesinger</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>

		<category><![CDATA[Publikationen]]></category>

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		<description><![CDATA[Sarah hat noch immer Kopfweh. Harald schreibt an seiner Diplomarbeit und trinkt keinen Alkohol mehr, bis er damit fertig ist – Sabine gefällt dies. Und Katherina ist wieder Single. All das weiß ich nicht aus persönlichen Gesprächen oder Klatsch. Nein, Sarah, Harald und die anderen sind meine „Freunde“ – gemeinsam mit mehr als 175 Millionen sind wir Mitglieder von „Facebook“. Ebenso wie „StudiVZ“ und „MySpace“ handelt es sich dabei um ein Social Network; das sind interaktive Plattformen im WWW.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-797" title="medium" src="http://www.rationalpark.com/wp/wp-content/uploads/2009/03/medium.jpg" alt="medium" width="175" height="135" />Wie Social Networks unser Leben verändern</strong></p>
<p>Sarah hat noch immer Kopfweh. Harald schreibt an seiner Diplomarbeit und trinkt keinen Alkohol mehr, bis er damit fertig ist – Sabine gefällt dies. Und Katherina ist wieder Single. All das weiß ich nicht aus persönlichen Gesprächen oder Klatsch. Nein, Sarah, Harald und die anderen sind meine „Freunde“ – gemeinsam mit mehr als 175 Millionen sind wir Mitglieder von „Facebook“. Ebenso wie „StudiVZ“ und „MySpace“ handelt es sich dabei um ein Social Network; das sind interaktive Plattformen im WWW.</p>
<p>In den letzten Monaten waren Social Networks <em>das</em> Thema der Feuilletons – kaum ein maßgebliches Medium (sei es gedruckt oder elektronisch), das es nicht ausführlich behandelte. Unter dem Titel „Nackt unter Freunden“ veröffentlichte „Der Spiegel“ (10/2009) eine Coverstory, die sich streckenweise liest wie ein Warnhinweis: „Risiken und Nebenwirkungen sind beträchtlich – auch für den Wert der menschlichen Bindung.“ Auch die meisten anderen Blätter stehen dem Hype ziemlich kritisch gegenüber. Aber was sind Social Networks eigentlich und worin besteht ihre Faszination?</p>
<p>Social Networks sind nichts gänzlich Neues: Schon vor Etablierung des WWW gab es im Internet Zusammenschlüsse von Menschen, die miteinander Daten austauschten, Beiträge für Newsgroups schrieben oder per Chat kommunizierten. War das in den 80ern vielfach noch ein Metier von Computerfreaks, entwickelten sich die „Virtuellen Gemeinschaften“ (Howard Rheingold) mit der Verbreitung des WWW zum Massenphänomen. Und darin liegt der Clou des Ganzen: Es handelt sich um ein interaktives Medium, das die Kommunikation „vieler mit vielen“ ermöglicht. Dafür gibt es in der Mediengeschichte zwar vereinzelt Vorläufer (Schwarzes Brett, CB-Funk), allerdings funktioniert all das auf der Basis des „Medienverbundes“ Internet multimedial, ist eben auch massenhaft rezipierbar und bleibt dauerhaft gespeichert.</p>
<p><strong>Das digitale Ichbinich</strong></p>
<p>Der Ausgangspunkt jedes Social Networks ist die persönliche Profilseite: Das ist ein Steckbrief, der verschiedene Angaben zur Person enthält. Neben Namen und Geburtsdatum können unter anderem Hobbys, die politische Einstellung und religiöse Ansichten kundgetan werden. Fast ebenso wichtig wie diese Angaben ist die Pinnwand – auf ihr scheinen alle Botschaften auf, die von anderen Usern hinterlassen werden. In die Profilseiten integriert ist auch die „Freundesliste“, das sind jene User, die ein Freundschaftsangebot gesendet bzw. bestätigt haben. Selbstverständlich ist diese virtuelle Freundschaft nur als Metapher zu verstehen. Im Wesentlichen geht es um die gegenseitige Sichtbarkeit – „Freunde“ legen wechselseitig ihre Profile offen und können einander auf der Pinnwand Nachrichten hinterlassen.</p>
<p>Diese Wechselwirkung zwischen Selbstdarstellung und Interaktion befördert einen Prozess ständiger Selbst- und Fremdevaluation. Kulturkritiker/innen beklagen die Social Networks als virtuelle Marktplätze, wo soziale Beziehungen als Kapital akkumuliert werden. Und wirklich besteht der unausgesprochene Imperativ „Inszeniere und vernetze Dich!“, einige Enthusiasten stellen intimste Bekenntnisse ins Netz und digitale Exhibitionisten treffen auf Daten-Voyeure. Eine sehr beliebte Applikation auf „Facebook“ ist die Statuszeile, die mit der Frage „Was machst du gerade?“ zur Selbstoffenbarung auffordert. Diese Botschaft wird dann auf der Startseite aller Freunde veröffentlicht – sie erfahren so, wer eben gerade Kopfweh hat, heute noch zum Zahnarzt muss oder einfach gut drauf ist. Fotos, Videos und Statusmeldungen der Freunde können ebenfalls kommentiert werden. Auch Menschen, die sich selbst eine hohe Medienkompetenz unterstellen, scheinen sich oft nicht bewusst zu sein, dass jede Nachricht, jedes Bild, das sie veröffentlichen, für immer ein Teil ihrer digitalen Identität bleibt.</p>
<p><strong>Soziales Kapital und Kommunikationsrevolution</strong></p>
<p>Profis des Selbstmarketings sind bei mehreren Netzwerken zugleich Mitglied: Auf „Facebook“ trifft sich der erweiterte Bekanntenkreis, „Xing“ gilt als Karrierenetzwerk und „My Space“ ist die Plattform für Nachtschwärmer und Musikfreaks. Soziale Kontakte werden auf Freundeslisten abgebildet und rasch entwickelt sich eine regelrechte Beziehungsökonomie: So ist es auf „Facebook“ möglich, die 25 Top Friends zu ranken – eine Funktion, die wohl schon einige Freundschaften zerbrechen ließ. Ein Forscherteam in den USA fand heraus, dass die Fotos der Freunde auf „Facebook“, anderen Usern Rückschlüsse auf die Attraktivität des Profileigners ermöglichen – wer also hässliche Freunde akzeptiert, wird selbst unattraktiver wahrgenommen. Auch Kommentare auf der Pinnwand prägen das Selbstbild – allerdings abhängig vom Geschlecht des Users: Kommentieren Freunde etwa exzessiven Alkoholkonsum und Promiskuität, verbessert dies das Image des Profileigners, vorausgesetzt er ist männlich – bei weiblichen Usern verschlechtert sich der soziale Stellenwert [1].</p>
<p>1932 träumte Bert Brecht von einem Kommunikationsmedium, das die Gesellschaft revolutionieren sollte: <em>„Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, d.h., er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.“</em>[2]</p>
<p>Wäre Brecht heute ein Fan von „Facebook“ und Konsorten – oder seriöser gefragt: Bieten diese eine Plattform für revolutionäre Umbrüche? Die Antwort darauf ist nicht ganz eindeutig. Zwar spielen politische Partizipation und die gute, alte Agitprop dort nur eine untergeordnete Rolle, andererseits organisierte Barack Obama seinen Präsidentschaftswahlkampf hauptsächlich übers Internet: „Facebook“ spielte dabei eine entscheidende Rolle. Auch im Kampf gegen die neuen Allgemeinen Geschäftsbedingungen vernetzten sich flugs über 140.000 Mitglieder – der Betreiber musste sie schließlich zurückziehen. Im zwischenmenschlichen Bereich gibt es ebenfalls ganz unterschiedliche Facetten. Manche Jugendliche leiden unter Cybermobbing, andere finden durch die virtuellen Gemeinschaften neue Freundschaften oder gar die Liebe ihres Lebens. Social Networks sind eben vielfältig: Chance und Risiko, Bühne für Selbstdarsteller und Plattform für Kommunikative. Wie alle Medien sind sie per se weder gut noch schlecht – sondern das, was jene, die sie nutzen (sei es als Sender oder als Empfänger), mit ihnen machen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<ul>
<li>[1] Vgl. Walther, Joseph B./Van der Heide, Brandon/Kim, Sang-Yeon/Westerman, David/Tom Tong, Stephanie (2008): The Role of Friends Appearance and Behavior on Evaluations of Individuals on Facebook: Are we Known by the Company We Keep? In: Human Communication Research, Vol. 34, 2008, S. 28-49.</li>
<li>[2] Brecht, Berthold (1992): Werke (herausgegeben von Werner Hecht u.a.). Band 21: Schriften I. Suhrkamp, Frankfurt am Main. S. 553.</li>
</ul>
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		</item>
		<item>
		<title>Zwischen Pestilenz und Kapital – ein Ausflug</title>
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		<pubDate>Wed, 04 Mar 2009 18:01:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Pöckl</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>

		<category><![CDATA[Publikationen]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Welt befindet sich in einer Krise – darüber besteht, dank der subtilen Versorgung mit Informationen, die wir alle genießen, kein Zweifel. Wie immer ist es auch diesmal die größte Katastrophe seit Menschengedenken, seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern und seit der Sintflut. Die Betonung der Einzigartigkeit von Ereignissen und Entwicklungen ist Teil einer kommunikativen Tradition, deren Ausdruck zwischen Aufregung und Hysterie oszilliert. Ob dies nun spezifischer Ausdruck und Kennzeichen der modernen Massenmedien ist oder nicht, sei dahingestellt. Es gilt jedoch festzuhalten, dass sich der Umgang mit Krisen nicht im Wesentlichen geändert hat – die getätigten Äußerungen und angewandten Strategien sind strukturell und chronologisch ähnlich.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-full wp-image-763" title="pest" src="http://www.rationalpark.com/wp/wp-content/uploads/2009/03/pest.jpg" alt="pest" width="175" height="135" />Die Welt befindet sich in einer Krise – darüber besteht, dank der subtilen Versorgung mit Informationen, die wir alle genießen, kein Zweifel. Wie immer ist es auch diesmal die größte Katastrophe seit Menschengedenken, seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern und seit der Sintflut. Die Betonung der Einzigartigkeit von Ereignissen und Entwicklungen ist Teil einer kommunikativen Tradition, deren Ausdruck zwischen Aufregung und Hysterie oszilliert. Ob dies nun spezifischer Ausdruck und Kennzeichen der modernen Massenmedien ist oder nicht, sei dahingestellt. Es gilt jedoch festzuhalten, dass sich der Umgang mit Krisen nicht im Wesentlichen geändert hat – die getätigten Äußerungen und angewandten Strategien sind strukturell und chronologisch ähnlich. Die Krise ändert sich in ihrer Qualität, ihrem Inhalt – das Sprechen über die Krise jedoch ähnelt sich quer durch die Geschichte frappant. Dies gilt selbst für thematisch sehr verschiedene Krisen wie die aktuelle Wirtschaftskrise und die großen Epidemien des Mittelalters. Beide scheinen auf den ersten Blick kaum in einem gemeinsamen Kontext aufzutauchen, lassen sich jedoch durchaus in einen Erfahrungshorizont einpassen.</p>
<p><strong>Von weit, weit da komm ich her …</strong></p>
<p>Die menschliche Geschichte ist nicht unbedingt als arm an Katastrophen zu bezeichnen, doch kaum eine Heimsuchung war derart konstant in der europäischen Geisteswelt verankert wie das Wüten der Pest. Von ihrem plötzlichen Ausbruch im 14. Jahrhundert (nachdem die letzten größeren Epidemien mehrere hundert Jahre zurücklagen) war die Bedrohung durch die Pest bis ins 18. Jahrhundert stets präsent. In jeder Stadt und in jeder Region konnte der schwarze Tod seinen Blutzoll fordern. Tatsächlich sind die Spuren, die die Pest hinterlassen hat, noch heute auffindbar – seien es die zahlreichen Pestsäulen, die diversen Pestheiligen in den Kirchen Europas wie auch die Chroniken, Aufzeichnungen und literarischen Werke aus jener Zeit.</p>
<p>„They say, it was brought, some said from Italy, others from the Levant, [...] others said it was brought from Candia; others from Cyprus.”[1] – dieses Zitat aus dem ersten Absatz von Daniel Defoes A Journal of the Plague Year (einem Text über die Pest in London) ist beispielhaft für die erste Begegnung mit einer Gefahr, die als fremdverursacht und extern gesehen wird. Die Distinktion zwischen „den Anderen“, die sich bereits in der Krise befinden und einem selbst – hier wird dazu tendiert, an eine sichere und unangreifbare Position zu glauben –, ist klar erkennbar. Nicht umsonst schreibt die deutsche Zeit am 22. März 2007: „Ein gewaltiges Problem für die amerikanische Volkswirtschaft ohne Zweifel – doch wie gerechtfertigt sind die Sorgen, die nun am internationalen Finanzmarkt aufgekommen sind?“ Nur um prompt zu antworten: „Alle anderen Ansteckungsgefahren sind zum Glück äußerst gering.“[2] Ein Übergriff der „ansteckenden“ Krise auf das eigene Land, die eigene Wirtschaft ist kaum zu befürchten – schließlich ist man gut vorbereitet, man hat ein reines Gewissen, hat gut gewirtschaftet usw. Das tatsächliche und unausweichliche Einsetzen der Krise ist zu Beginn durch eine Phase der Leugnung charakterisiert, die sich sowohl in den Institutionen des Machtapparates als auch in den Ansichten der Menschen wieder findet. Das Eingeständnis einer Gefahr wird durch die vorangegangenen Überlegungen, die von einer Unangreifbarkeit, von einer sicheren Position ausgingen, erschwert und begünstigen die Verdrängung und Verniedlichung unangenehmer Wahrheiten. Sich der Krise auszuliefern, impliziert sich der eigenen Schwäche bewusst zu werden und die noch unklaren Folgen der Krise zu erwarten. Manzoni beschreibt in den Promessi Sposi ein analoges Verhalten bei der Pest in Mailand: „Wer auf den Plätzen, in den Läden oder in den Häusern ein Wort über die Gefahr verlor, wer gar die Pest beim Namen nannte, stieß auf ungläubigen Spott oder wütende Verachtung. Die gleiche Ungläubigkeit oder besser gesagt die gleiche Blindheit und Halsstarrigkeit überwogen auch im Senat, im Rat der Dekurionen und in allen Behörden.“[3]</p>
<p>Dies Verhalten darf nicht verwundern, denn auf das Ausrufen der Pest folgten meist Maßnahmen der Isolation und Überwachung – damit einhergehend natürlich der Zusammenbruch des Handels und eine Verknappung der Nahrungsmittel, woraus sich das ängstliche Vermeiden, ja die Tabuisierung der Benennung der Krise erklärt. Die Negation der Krise kann jedoch nicht von langer Dauer sein, auch wenn sich offizielle Stellen und die Bevölkerung bemühen, Optimismus zu heucheln. So veröffentlicht die deutsche Regierung noch am 16. September 2008 folgende Mitteilung auf ihrer Homepage: „Gute Nachrichten: Die Wirtschaft gewinnt 2009 an Dynamik.“[4] Dynamik ist – bei einem Blick auf die aktuellen Tagesnachrichten –  wahrscheinlich nicht einmal unrichtig.</p>
<p><strong>Das Ende der Selbsttäuschung</strong></p>
<p>Nach einer gewissen Zeitspanne werden jedoch die ersten Zeichen der Krise manifest und eine Leugnung ist nicht mehr möglich – es kommt zum Ausbruch, wie Manzoni schildert: „Auch in der Bevölkerung ließ nun das starrsinnige Leugnen der Pest allmählich nach und verlor sich in dem Maße, wie sich die Seuche verbreitete.“[5] Auch Abraham a Santa Clara, ein Augustinermönch und Prediger, erwähnt die Tatsache, dass die Pest „unter dem Titul hitziger Krankheit von Gewissenlosen Leuthen verhüllt, endlich in eine allgemeine Contagion ausgebrochen“[6] ist und das „Verhüllen“ unmöglich wird. Trotzdem ist die „Krise“ ein Politikum, dessen Tragweite der Bevölkerung nur dosiert und mit beruhigenden Worten offenbart werden kann – eine Strategie, die jedoch nur so lange funktionieren kann, bis die Krise tatsächlich spürbar wird. Dazu Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel am 14. Dezember 2008 bei einem Konjunkturgipfel über die Krise: „Deutschland ist ein starkes Land. Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir Deutsche diese Herausforderung meistern werden.“[7] Diese Euphemisierung ist so weit fortgeschritten, dass sich die Bevölkerung kaum noch irreführen lässt – tatsächlich ist die negative Konnotation bei Wörtern wie „Reform“ und „Herausforderung“ schon derart verankert, dass eine Häufung dieser Ausdrücke in den Medien eher für Beunruhigung sorgt. Einzig der zeitliche Abstand zwischen dem Ausbruch der Krise und der tatsächlichen „Wahrnehmung“ durch einen Großteil der Menschen über Bekannte, Freunde und die eigene Familie ist hier auffällig – ja ist beinahe mit der „Ruhe vor dem Sturm“ zu vergleichen, in der alle „einige Tage lang in der zuversichtlichsten Stimmung [waren], aber es waren nicht mehr viele Tage, denn die Leute ließen sich jetzt nicht mehr so leicht täuschen.“[8]</p>
<p>Nun gilt es, sich der Katastrophe anzupassen, in und mit ihr zu leben und zu sterben. Hier offenbart sich eine Vielzahl von strukturell ähnlichen Verhaltensweisen, die sich sowohl in Pestzeiten als auch bei späteren Krisen auffinden lassen.<br />
Als geradezu logisch erweist sich die Bemühung, einen historischen Bezug herzustellen, das Ereignis in einen Erfahrungshorizont einzupassen – hier ist es die Abscheu vor dem Unbekannten, dem Unregelmäßigen, die derartige Reaktionen erforderlich macht. Selbst Katastrophen haben vorgegebenen Regeln zu folgen, eine Abweichung, eine Singularität darf ihnen keinesfalls gestattet werden, sind jene doch ein Angriff auf Ordnung und Stabilität des menschlichen Denkens und Handelns. Das Verstehen der Pest berief sich auf historische Quellen wie den Bericht des Thukydides über die athenische Pest 429 v. Chr., auf andere antike Texte und natürlich auf die Bibel, die ebenfalls ein Erklärungsmodell lieferte, denn es ist Gott, der um der Sünden willen verkündet „so sende ich die Pest in eure Mitte und ihr geratet in Feindeshand.“[9] Diese Einordnung in einen historischen Kontext funktioniert damals wie heute – so ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung wohl kaum das einzige Medium, das mit dem Titel „1929 und heute – Die Krankheit des Geldes“[10] den Zusammenhang zwischen der jetzigen Finanzkrise und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise von 1929 herstellt. Das Vorhandensein derartiger Analogien darf nicht verwundern, helfen diese doch auch die Ursachen und vermeintlichen Verantwortlichen zu finden.</p>
<p><strong>Schuld und Sühne</strong></p>
<p>Zumindest zu Beginn der „Krise“ ist der Auslöser immer ein externer – selten sind eigene Vernachlässigungen, eigene Fehler Gründe für die kommende Katastrophe. Der Rückgriff auf altbewährte Sündenböcke ist hier nahe liegend. So wurden in Pestzeiten bei der Suche nach Schuldigen vor allem die Außenseiter der Gesellschaft zu Opfern: Fremde, Landstreicher, Bettler, Hexen, Andersgläubige wie Juden und Bürger anderer Länder und Regionen. Schon Defoe spricht im oben stehenden Zitat von der Pest, die aus anderen Ländern – im Text sind es zwei Franzosen – nach London gebracht wird, woraus sich ein beinahe zyklischer Schuldkreislauf offenbart, in dem der schwarze Peter durch Europa zieht, während Leichen seinen Weg pflastern: „In Lothringen bezeichnet man 1627 die Pest als „ungarisch“, 1636 als „schwedisch“; in Toulouse spricht man 1630 von der „Mailänder Pest““[11]. Gut, dass derartiges heute nicht mehr passieren kann, oder wie die deutsche Welt am 16. November 2008 in einer Überschrift meint „Wie die Krise aus den USA zu uns kam“[12] – ein schönes Detail auch die Umfrage auf orf.at, die am 22. Dezember 2008 mit dem Titel „Österreicher geben USA Schuld an Krise“[13] eine ähnliche Schiene fährt.</p>
<p>Dennoch ist festzuhalten, dass es mit Fortdauern der Krise zu einer Verschiebung der Schuldfrage kommt. Für die Pest wurde von den gelehrten Köpfen und dem Volk eine große Zahl von Ursachen genannt: die verseuchte Luft, von Hexern und Juden vergiftete Brunnen und verhängnisvolle Gestirnkonstellationen – dies führte nach dem Ausbruch der Krankheit zur Anklage der traditionellen Sündenböcke, zum Glauben an Verschwörungen und Komplotte innerhalb der Gemeinschaft selbst und schlussendlich stets zur eigenen Schuld. So wird die eigene Schuldigkeit zu einer benennbaren Größe – doch selbst dann sind es immer lässlichere Sünden als die der eigentlichen Verursacher: Hier werden wir Zeugen von zu großer Vertrauensseligkeit, zu großer Lebensliebe (verständliche, ja menschliche Sünden), während auf der anderen Seite Gier und Heuchelei wuchern. Es sind die „gierigen Banker“[14] und die „skrupellosen Manager“[15], während der einfache Anleger sich hat blenden lassen, somit genauso wie der Bankdirektor eine „Mitschuld“[16] trägt und die Süddeutsche Zeitung fragen lässt: „Ist die Finanzkrise die Strafe für die Arroganz der Banker?“[17] Dieser Komplex von Sünde und Schuld ist dem Umgang mit der Krise immanent – auch in Pestzeiten suchte die Bevölkerung die Schuld auch unter ihresgleichen bzw. wurde ihr nahe gelegt, selbiges zu tun. Dementsprechend deduziert Abraham a Santa Clara, dass „wann die Tugenden den Krebsgang nehmen, wann man in allen finstern Winckel und Withshäuser leichtfertige und unverschamte Kroten antrifft, daß GOtt gemeiniglich hierauff eine Pest schicket“[18]. Die Krise wird als Strafe verstanden, als im Grunde genommen logische und konsequente Antwort auf das Fehlverhalten, sie ist eben wegen „unsers schlechten Wandels von dem gerechten Zorne Gottes zu unserer Besserung geschickt“[19].</p>
<p><strong>Von der geystlichen Arznei</strong></p>
<p>Freilich ist es nicht genug über den Ursprung der Krise Bescheid zu wissen, vielmehr gilt es, sich bewusst zu machen, wie der Strafe entgangen werden kann. Diese Antwort auf die Katastrophe muss immer aus demselben Bezugssystem wie diese selbst stammen – also aus einem religiösen oder ökonomischen Erklärungsrahmen. Exakt bei den Begriffen von Strafe und Sühne gilt es jedoch einzuhaken und die Reaktionen unter dem Gesichtspunkt der Vorkehrungen und der Anordnungen zu betrachten. Unter dem Druck der Krise sind es vor allem Maßnahmen der Normierung, der Isolation und der sozialen Disziplinierung, die die Gesellschaft festigen und ungeordnete Bereiche unter Kontrolle bringen sollen – nur durch Ordnung ist der Krise zu begegnen.<br />
Die Pest wurde hauptsächlich religiös-christlich interpretiert und erklärt – eine Heilung und Linderung konnte deshalb nur mittels der „zweifachen Arznei“[20] erfolgen: Neben der ärztlichen Behandlung, die sich als mäßig erfolgreich erwies und den Körper behandelte, war die „geystliche arztney“[21] das Mittel der Wahl. Die Pest ist die Strafe für Ausschweifungen, für gottloses Betragen und für Übermaß in allen Lebensbereichen – aus diesem Grund fordern sowohl kirchliche als auch staatliche Stellen eine geistig-moralische Bekehrung, wie aus der Wiener Infektionsordnung von 1656 zu ersehen ist. Diese ordnete den Menschen an, „daß sie sich aller Gottslästerung/ Unzucht/ ubermäßigem Essens/ Trinckens/ und anderer Untugendten und Laster gäntzlich enthalten/ ein Gottseeliges Leben führen/ auch sonsten ein jeder wann die Bett Glocken […] geleittet wird/ zu Hauß/ und auff denen Gässen/ umb abwendung derer Göttlicher über uns verhengenden Straffen fleissig betten“[22]. Diese Disziplinierung des Geistes – eine Betonung des richtigen Maßes, der Ruhe – wird durch weitere Maßnahmen wie die Isolierung der betroffenen Häuser und Prozesse gegen Gotteslästerer oder Hexer ergänzt.<br />
Die zweifache Arznei ist auch heute noch das Mittel der Wahl. Neben den diversen wirtschaftlichen Maßnahmen wie den Konjunkturpaketen, Staatsgarantien und Kurzarbeit – es bleibt zu hoffen, dass diese erfolgreicher sind als ihre medizinischen Vorgänger zu Pestzeiten – wird ebenfalls eine Änderung im Geist gefordert. „Es gehört da auch ein entsprechendes Verhalten der Bescheidenheit hinzu“[23], meint zum Beispiel der deutsche Bundeswirtschaftsminister Glos, und auch Präsident Köhler konstatiert: „Es fehlte schlicht an Verantwortungsbewusstsein“[24]. Zu große Gier hat uns in eine Situation gebracht, die Buße und eine Rückkehr zum gemäßigten Leben erforderlich machen – die Krise ist die Gelegenheit, den Pfad Gottes wieder zu finden, sich von der Schuld zu befreien und zu sühnen – sie übernimmt die Rolle der Paränese, der Mahnung. Insofern kann die Krise auch als eine Chance betrachtet werden, eine Gelegenheit, die den Menschen geboten wird, das Ruder herumzureißen. So muss auch Karl-Theodor zu Guttenberg – der Nachfolger des glücklosen Glos – natürlich betonen, man müsse „schnell auf den Pfad der Tugend zurückkehren, […] denn [f]ette Jahre verleiten gelegentlich zur Trägheit.“[25]. Gut, dass es dank der mahnenden Stimmen jedem Menschen gelingen wird, „sein leben zu besseren und mit got sich zu vertragen“[26]. Die Pestchroniken beschreiben jedoch meist ein vollkommenes Zusammenbrechen des sozialen Gefüges, des öffentlichen Lebens und großer Teile der staatlichen Ordnung als Folge der Strafe Gottes</p>
<p><strong>Gott und Geld</strong></p>
<p>Warum ähneln sich nun die Äußerungen über die Pest und über die Wirtschaftskrise derart? Auch hier erweist sich die Frage nach der Schuld als bedeutsam – gleich ob die aktuelle oder eine frühere Krise wie die Pest gemeint ist. Trotz der vielen Ursachen, die die Menschen des Mittelalters für die Pest fanden, ist sie vor allem die Strafe Gottes für das Verhalten der Menschen – das außerordentliche Ereignis fügt sich nahtlos in einen religiösen Erklärungsrahmen. Nicht umsonst ist das Sprechen und Schreiben über die Pest größtenteils religiös geprägt bzw. entnimmt sein Vokabular aus dem Fundus der christlichen Religion. Auch die Äußerungen über die aktuelle Finanzkrise beziehen ihre Legitimation aus einem derartigen, vordefinierten, oberflächlich ökonomischen, Modell. Die Ähnlichkeit speist sich also aus einer Ähnlichkeit des religiösen und des ökonomischen Modells. Hier ist es die Gier – nicht zufällig auch eine der Todsünden –, die die Schuld begründet und die den Argumentationen zugrunde liegt. Der Zusammenhang ist allerdings ein zutiefst religiöser: Bereits Walter Benjamin weist in seinem Fragment Kapitalismus als Religion auf den Kultcharakter des Kapitalismus hin und meint folgerichtig, dass dieser „vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“[27] ist. Diese „Verschuldung“ erfolgt ohne Unterlass, ohne Innehalten und kann erst ein Ende finden, wenn das gesamte Sein vom Spiel von Zins, Kredit und Schuld umfasst ist. Im zentralen Begriff der Schuld umarmen sich Christentum und Kapitalismus – der ein Abkömmling des Christentums, ja sogar der reinere Kult ist, weil er „keine spezielle Dogmatik, keine Theologie“[28] kennt, sondern sich nur durch Akkumulation und Maximierung legitimiert. Es fehlt der Gott, der nur als deus absconditus, als verborgener Gott gesehen werden kann, dessen Erkennen, dessen Offenbaren erst im „Zenith seiner Verschuldung“[29] möglich wird.</p>
<p>Ebenso wie im Christentum muss jedoch auch hier der Begriff der Erlösung seine Entsprechung finden, wobei Benjamin meint, darin läge das „historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. Die Ausweitung der Verzweiflung zum religiösen Weltzustand aus dem die Heilung zu erwarten sei.“[30]. Erst hier– im Bannkreis von Vernichtung und Verzweiflung – wird Erlösung möglich. Eine Vorstellung, die sich nur zu leicht auf die Pest übertragen lässt: Wenn die Städte und Länder in Trümmern liegen und die Verzweiflung allumfassend ist, kommt es dennoch zu einem Nachlassen der Pest. Erst wenn der „liebe Augustin“ sein alles ist hin! singt und die Menschen den kompletten Ruin akzeptieren, hilft Gott, kann Gott wieder helfen: „Und dies geschah auch nicht, weil eine neue Medizin entdeckt worden wäre oder man hinter neue Heilmethoden gekommen wäre oder weil die Ärzte neue Erfahrungen in der Behandlung gewonnen hätten; sondern es kam offensichtlich von der unsichtbarsten, verborgenen Hand dessen, der diese Seuche als ein Strafgericht überhaupt zu uns geschickt hatte.“[31].<br />
Ob ein derartiges Überkommen der Krise auch im Ökonomischen möglich ist, bleibt noch offen – dies darf jedoch angenommen werden, nicht so sehr aufgrund der tatsächlichen Wirtschaftslage, sondern aufgrund der analogen Struktur der religiösen und der ökonomischen Krise, die nicht zuletzt auf der eigenartigen Verschränkung von Kapitalismus und Christentum beruht. Aber vorher muss wohl, ganz nach dem lieben Augustin, alles hin sein …</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<ul>
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<li>[2] http://www.zeit.de/2007/13/US-Immobilienkrise?page=2; 22.03.2007</li>
<li>[3] Manzoni, Alessandro: Die Brautleute – I Promessi Sposi, DTV, München 2003, S. 673</li>
<li>[4] http://www.bundesregierung.de/nn_1272/Content/DE/Artikel/2008/09/2008-09-16-konjunkturaussichten.html; 02.03.2009</li>
<li>[5] Mazoni, S. 683</li>
<li>[6] Abraham &lt;a Sancta Clara&gt;: Mercks Wien, Verlag Hollinek, Wien 1946, S. 11</li>
<li>[7] http://www.bundesregierung.de/nn_1272/Content/DE/Artikel/2008/12/2008-12-14-konjunkturgipfel.html; 02.03.2009</li>
<li>[8] Defoe, Daniel: Die Pest zu London, Ullstein, Frankfurt/M, Berlin 1996, S. 10f</li>
<li>[9] Die Bibel. Vollständige Schulausgabe, Österreichisches Katholisches Bibelwerk Klosterneuburg, Klosterneuburg 1980, 3.Mose 26,25, S. 134</li>
<li>[10] http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EB08A4F52ADAB4F8793A1CB3317BD4C70~ATpl~Ecommon~Scontent.html, 28.10.2008</li>
<li>[11] Delumeau, Jean: Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts, rororo, Reinbek bei Hamburg 1985, S. 187</li>
<li>[12] http://www.welt.de/wirtschaft/article2733416/Wie-die-Krise-aus-den-USA-zu-uns-kam.html; 02.03.2009</li>
<li>[13] http://oesterreich.orf.at/stories/330637/; 02.03.2009</li>
<li>[14] http://www.welt.de/finanzen/article2473732/Die-Zocker-unter-den-Bankern-muessen-weg.html; 02.03.2009</li>
<li>[15] http://www.tagesschau.de/wirtschaft/kommentar226.html; 02.03.2009</li>
<li>[16] http://www.bild.de/BILD/news/wirtschaft/2008/12/30/josef-ackermann-deutsche-bank-chef/raeumt-mitschuld-an-finanzkrise-ein.html; 02.03.2009</li>
<li>[17] http://www.sueddeutsche.de/finanzen/424/310353/text/; 02.03.2009</li>
<li>[18] Abraham, S. 24</li>
<li>[19] Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron, Insel Taschenbuch, Frankfurt/M 1999, S. 10</li>
<li>[20] Esser, Thilo: Pest, Heilsangst und Frömmigkeit. Studien zur religiösen Bewältigung der Pest am Ausgang des Mittelalters, S. 46</li>
<li>[21] Esser, S. 47</li>
<li>[22] Der Römisch Kayserl. … Ferdinand III: Newe Infectionordnung, Wien 1656, S. 5 vgl. Oberthaler, Britta: …bißweilen muß Gott an den bösen Leuthen Rach nehmen… Die sozialdisziplinierenden Auswirkungen der Pest als „Strafe Gottes“, Diplomarbeit zur Erlangung des Magistergrades der Philosophie, Uni Wien 1991, S. 48</li>
<li>[23] http://www.focus.de/finanzen/boerse/finanzkrise/finanzkrise-koehler-kritisiert-hemmungslose-gier_aid_339808.html; 02.03.2009</li>
<li>[24] s.o.; 02.03.2009</li>
<li>[25] http://www.bild.de/BILD/politik/wirtschaft/2009/02/15/wirtschaftsminister-karl-theodor-zu-guttenberg/erwartet-abflauen-der-wirtschaftskrise-spatestens-ab-herbst.html; 02.03.2009</li>
<li>[26] Esser, S. 39</li>
<li>[27] Benjamin, Walter: Kapitalismus als Religion, in: Baecker, Dirk(Hg.): Kapitalismus als Religion, Kulturverlag Kadmos, Berlin 2003, S. 15</li>
<li>[28] Benjamin, S. 15</li>
<li>[29] Benjamin, S. 16</li>
<li>[30] Benjamin, S. 16</li>
<li>[31] Benjamin, S. 16</li>
<li>[32] Defoe, S. 329</li>
</ul>
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		<title>Wissenschaft und Niederlage</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Jan 2009 20:59:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gianluca Crepaldi</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>

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		<description><![CDATA[Es war nicht der Brief eines sich entziehenden Geliebten, wie in Anna Mitgutschs Schilderung der sehnsüchtigen Eile einer an der unerfüllten Liebe verzweifelnden Frau; es war ein Schreiben einer großen österreichischen Institution für Wissenschaftsförderung, auf das sich mein Warten und Hoffen bezog. Ich entsann mich dieser Stelle im Roman, als ich mich dabei ertappte, wie ich beim Öffnen des Postkastens in beinah neurotischer Manier jeden morgen aufs Neue einen, oben zitiertem sehr ähnlichen, inneren Monolog abhielt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-359" title="niederlage" src="http://www.rationalpark.com/wp/wp-content/uploads/2009/01/niederlage.jpg" alt="niederlage" width="175" height="135" />Chronik eines „viel zu groß angelegten“ und in seinen „Ansprüchen zu ambitionierten“ Versuchs[1]</strong></p>
<p>„Mehrmals 			am Tag lief sie hinunter, um nach der Post zu sehen, und suchte sich in ihrer 			hoffnungsvollen Hast vergeblich gegen die Enttäuschung zu wappnen, sagte sich, 			heute bestimmt nicht, warum auch heute, und dachte zugleich, es muß heute sein, 			wie soll ich einen weiteren Tag ertragen? <em>Doch selbst vorweggenommene 			Enttäuschung enthielt noch zu viel Hoffnung</em>, sie ließ sich nicht beirren in 			ihrer Suche nach dem Kuvert, das sie sofort erkennen würde, vielleicht lag es 			zwischen Prospekten, oder hatte der Briefträger ausgerechnet den blauen 			Luftpostbrief vergessen und kam gleich noch einmal wieder?“[2]</p>
<p>Es war nicht der Brief eines sich entziehenden Geliebten, wie in Anna Mitgutschs Schilderung der sehnsüchtigen Eile einer an der unerfüllten Liebe verzweifelnden Frau; es war ein Schreiben einer großen österreichischen Institution für Wissenschaftsförderung, auf das sich mein Warten und Hoffen bezog. Ich entsann mich dieser Stelle im Roman, als ich mich dabei ertappte, wie ich beim Öffnen des Postkastens in beinah neurotischer Manier jeden morgen aufs Neue einen, oben zitiertem sehr ähnlichen, inneren Monolog abhielt. Gemeinsam mit drei Kollegen hatte ich mich im Oktober für ein sehr hoch dotiertes Doktoratsstipendium beworben, bei dem 3-5 Dissertanten an einem „problemorientierten“ Projekt interdisziplinär zusammenarbeiten können, und zwar 3 Jahre vollfinanziert. Der hohen Fördersumme entsprechend war die Bewältigung der Bewerbungsmodalitäten ein aufwendiges Unterfangen und, mit nur einem Monat Zeitbudget, auch schwer zu verwirklichendes, wie sich bald herausstellen sollte. Die Absage kam kurz vor Weihnachten – und mit der Ablehnung die Enttäuschung.</p>
<p class="MsoBodyTextIndent" style="margin-left: 0cm;" align="left">Ich hatte sehr hart für das Zustandekommen dieses Antrags gearbeitet, viele Stunden schreibend vor dem Computer verbracht, zahlreiche lästige Formalitäten erledigt, an vielen Treffen und Diskussionen teilgenommen und gemeinsam mit meinen Kollegen versucht, ein integratives Konzept für vier sehr unterschiedliche Dissertationsthemen zu finden. Letztlich waren wir stolz auf den Spagat, den wir geschafft hatten, auf die alles vereinende theoretische Klammer, die wir in mühsam aus einem dunklen und verworrenen Nichts zu Tage fördern mussten. Es war ein intellektuell intensiver, höchst produktiver aber auch ein an meiner psycho-physischen Substanz zehrender Monat.</p>
<p class="MsoBodyTextIndent" style="margin-left: 0cm;" align="left"><!--[if !supportEmptyParas]--></p>
<p class="MsoBodyTextIndent" style="margin-left: 0cm;" align="left">Der Absage beigelegt war eine zweiseitige Stellungnahme einer anonymen Jury, welche - gelinde gesagt - vernichtend ausfiel. Kein einziges positives Wort war darin zu finden. Mit dieser Kritik, die mehr den Charakter einer Verurteilung hat, war auch sofort klar, dass von Vornherein nie eine realistische Chance für unser Projekt bestand, weil wir die dort implizit verlangten elitären formell-institutionellen Voraussetzungen nicht erfüllen konnten. Die gewichtigsten Mängel, die man uns zur Last legte, betrafen das Fehlen eines „breit gefächerten internationalen Betreuungskonzepts“ und mangelnde „Interdisziplinarität“[3]. Eine ausführliche Replik auf diese und andere vorgebrachte Punkte würde hier zu weit führen, einige Dinge seien dennoch angemerkt.</p>
<p class="MsoBodyTextIndent" style="margin-left: 0cm;" align="left"><!--[if !supportEmptyParas]--></p>
<p class="MsoBodyTextIndent" style="margin-left: 0cm;" align="left">Zur Frage des interdisziplinären Ansatzes muss gesagt werden: Wir haben, wie verlangt, ein wohl reflektiertes Konzept von Transdisziplinarität exponiert und klar unsere disziplinüberschreitende Hypothesenbildung dargestellt. Dem wurde in der Kritik keinerlei Beachtung geschenkt. Man quittierte das Ganze mit dem Hinweis, es sei eben alles irgendwie, irgendwo, mehr oder weniger, Philosophie und nichts anderes. Mit dieser Kategorisierung bin ich alles andere als einverstanden, zumal heute alles, was nirgends so recht hineinpasst, der Philosophie zugeordnet wird. Diese ist damit in ihrer heutigen akademischen Gestalt eindeutig überfordert. Wir können heute Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft, Kulturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Germanistik oder Literaturwissenschaft studieren – völlig autonome Disziplinen wird gesagt; und dennoch heißt es für alle „Doktoratsstudium der Philosophie“. Ist das nur ehrwürdige akademische Sprache, oder steckt mehr dahinter? Eigentlich ist die Antwort auf diese Frage ein alter Hut, für mich zumindest. Zudem hege ich schon länger den Verdacht, dass bei der Verwendung des Begriffs „Interdisziplinarität“ im Kontext von wissenschaftlichen Projektanträgen (und nicht nur dort!) ein Etikettenschwindel zur Regel geworden ist. Man sollte m.E. ehrlicher sein und das voranstehende „Inter“ wegstreichen oder vielleicht von „additiver Disziplinarität“ sprechen, der beliebigen Aneinanderreihung von strikt einzelwissenschaftlichen Zugängen – damit käme man jedenfalls der formalen Realität des Wissenschaftsbetriebs näher. Wenigstens wurde eine Vermutung bestätigt: Echte disziplinübergreifende oder gar disziplinunterlaufende, subversive Ambitionen sind ein Tabu und gelten nach wie vor als unwissenschaftlich, denn Wissenschaft definiert sich gerade über ihre Disziplinentrennung, über Grenzen und damit über das, was jenseits solcher willkürlichen Grenzen zum erliegen kommt und notwendig unerkannt bleibt.</p>
<p class="MsoBodyTextIndent" style="margin-left: 0cm;" align="left">Die Frage der Internationalität, d.h. die Frage der globalen Vernetzung innerhalb der „Scientific Community“, ist für einen „einfachen“ und „freischaffenden“ Doktoratsstudenten, der aus völlig eigenständiger Initiative und fast ohne aktive Unterstützung durch bestehende institutionelle Strukturen mit entsprechendem Renomée, solch einen Antrag stellt, eine klare Überforderung. Und doch: wir konnten einen sehr namhaften deutschen Kulturwissenschaftler für unser Projekt gewinnen. Wir hatten eine Forschungsplattform im Rücken. All das war bei weitem nicht ausreichend, wie das Schreiben der Jury zeigte. In einer Zeit wo die mediale Berichterstattung über und der Jargon innerhalb der Forschung von „bis zur Beliebigkeit entgrenzten“[4], ergo inhaltsleeren, Vokabeln dominiert wird („Eliteuniversität“, „Spitzenforschung“,  „international wettbewerbsfähig“, „Ranking“, „Evaluation“ usf.), kann es sich kaum nur um eine links-ideologische Verblendung handeln, wenn festgestellt wird, dass die Wissenschaft als Ganze in nie dagewesenen Ausmaßen einem kompromisslosen Ökonomisierungsprozess unterworfen ist. Derartige Stipendien sind dezidiert keine sozialen Ausgleichsmaßnahmen, sondern wollen explizit jene, die ohnehin gut dastehen, noch besser dastehen lassen, im besten Falle am besten! Auch das ist kein sozialistisches Gejammer, sondern zunächst eine Tatsache, deren Bennennung gerade noch erlaubt sein dürfte: Ökonomische Logik induziert die Produktion von Gewinnern und Verlieren. Wir haben versucht uns, um der Möglichkeit zur Teilnahme willen, gewissen ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln – letztere sind die wahrhaft gnadenlosen – zu unterwerfen und eine Niederlage eingefahren, deren ressentimentstimulierende Wirkung wesentlicher Motor zur Niederschrift des vorliegenden Textes war. Immerhin etwas.</p>
<p class="MsoBodyTextIndent" style="margin-left: 0cm;" align="left"><!--[if !supportEmptyParas]-->Ich bin etwas abgeschweift. Es ist nicht meine hauptsächliche Absicht den beleidigten Kritiker zu geben oder gar als (in diesem Versuch) Erfolgloser mit der Wissenschaft und ihren Sachzwängen insgesamt zu brechen. Vielmehr ginge es mir um daraus zu ziehende Erkenntnis: Um freiere Formen der Wissenschaft praktizieren zu können, muss der lange Weg der Unterwerfung (Disziplinierung) wohl in Kauf genommen werden. Man kann sich nur mit und in der Wissenschaft gegen sie stellen und dieses nichtidentische Moment muss ausgetragen werden. Das beansprucht die eigene Frustrationstoleranz. Es scheint generell so zu sein, dass Wissenschaft zu betreiben viel mehr mit dem Erleiden von Niederlagen zu tun hat, als mir vielleicht lieb war. Betrachtet man allein den immensen Raum, den wie auch immer geartete Projektanträge und andere ökonomische Optimierungsoperationen heute im Alltag von Wissenschaftlern einnehmen, wäre das eine naheliegende Annahme. Wenn aber die Niederlage zur Grunderfahrung der wissenschaftlichen Lebensform gehört, so bedürfen wir vielleicht der neuerlichen Aktivierung einer dialektischen Theorie von Hoffnung und Enttäuschung.</p>
<p class="MsoBodyTextIndent" style="margin-left: 0cm;" align="left">Mitgutsch entlarvt einen psychischen Schutzmechanismus, der bei sehr vielen Menschen, so auch bei mir, immer dann zu greifen beginnt, wenn man sich als souveränes und starkes Subjekt, als das man sich zumeist konzipiert hat, in die Ohnmacht der Warteposition gedrängt sieht, quasi dem undurchsichtigen Wirken des Schicksals ausgeliefert – in diesem Fall: der Black Box „Begutachtungsverfahren“. Man versucht eine unangenehme Offenheit, eine Lücke, eine Leck, dem man sich aussetzen musste, wieder zu stopfen; man versucht, wie Mitgutsch sagt, die Enttäuschung selbst vorwegzunehmen, weil man nicht duldet, dass sie ihrem Wesen gemäß immer durch ein Anderes bedingt ist oder einbehalten bleibt. Wichtige Zäsuren (Einschnitte!) im Leben werden mit dieser Strategie überdeckt und in ihrem Erkenntnispotential gehemmt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb schlägt eine manifeste Enttäuschung mit voller Härte zu. Man gibt von der Hoffnung getrieben die Hoffnung preis. Man übt Verrat an ihr und bleibt ihr dennoch so innig verbunden. Es ist ein Prozess des steten Oszillierens zwischen der Konstruktion von Alltagsutopien (dem Erhofften) und selbst gewählten Hoffnungslosigkeiten (vorweggenommen Enttäuschungen), in dem das eine stets das andere aufhebt, keines von beiden aber bis in seine befremdlichen Abgründe hinein erfahren werden kann. Hoffnung aber wird aus dem Trauma geboren, Hoffnung ist die Aura, die sich um eine Wunde bildet und ihre Heilung antizipiert, Hoffnung ist Phantomschmerz.</p>
<p class="MsoBodyTextIndent" style="margin-left: 0cm;" align="left">Fazit: Willst du Wissenschaft betreiben, musst du LEIDEN, LEIDEN, LEIDEN.</p>
<p class="MsoNormal" style="text-align: justify;" align="left"><!--[if !supportEmptyParas]--></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align: justify;" align="left">
<p class="MsoNormal" style="text-align: justify;" align="left"><strong>Anmerkungen</strong></p>
<ul>
<li> [1] Stellungsnahme der Jury (Schreiben vom 	18. Dezember 2008)</li>
<li> [2] MITGUTSCH, 	ANNA: In fremden Städten, dtv, München, 2001, 164. [Hervorhebung: G.C.]</li>
<li>[3] Stellungsnahme 	der Jury (Schreiben vom 18. Dezember 2008)</li>
<li>[4] Stellungsnahme 	der Jury (Schreiben vom 18.Dezember 2008): Diese Bemerkung der Jury bezog sich 	auf den Leitbegriff unseres Projekts, den „Raum“ im Kontext der geistes- und 	kulturwissenschaftlichen Diskussion um einen sogenannten „Spatial Turn“ oder 	einer „Topologischen Wende“.</li>
</ul>
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