Bereits zum 6. Mal werden an der Universität Wien vom 22. bis 23. April die Tage der Kultur- und Sozialanthropologie stattfinden. Das Interesse an der Veranstaltung stieg in den letzten Jahren stetig, sodass nunmehr 16 Workshops abgehalten werden, die unterschiedlichste Themenbereiche der Anthropologie abdecken oder regionale Schwerpunkte setzen. Vom rationalpark mit dabei sein werden Marion Kraml und Thomas Gimesi, die ihre jüngsten Forschungsarbeiten in den Workshops “Doing Research in the ‘Glocal Field’ - Zur Verortung ethnologischer Forschung” sowie “‘Der wilde Südosten’ - Südostasiatische Peripherien im 21. Jahrhundert” präsentieren werden.
Marion Kraml
Militärische Anthropologie
AnthropologInnen in Camouflage
Die Verbindung der Anthropologie mit militärischen Strategien und Einsätzen ist in etwa so alt wie das Fach selbst. Immer wieder in der Geschichte arbeiteten AnthropologInnen im Rahmen von und für imperialistische Bestrebungen. Heute mehr denn je erweist sich genau diese Zusammenarbeit als sehr prekär und umstritten. Besonders im amerikanischen Raum werden im Rahmen des sog. Human Terrain Systems sowohl AnthropologInnen als auch andere GesellschaftswissenschaftlerInnen rekrutiert, um für die militärischen Aktionen zu arbeiten. Die Darstellung ihrer Tätigkeit ist ebenso vielfältig wie die Meinungen darüber. Als BeraterInnen im Feld, als auch vor den jeweiligen Einsätzen stellt das Wissen, das sie besitzen und zur Verfügung stellen, eine „Waffe” dar, die sowohl für den (proklamierten) Schutz der jeweiligen Bevölkerung, als auch gegen diese verwendet werden kann. Ersichtlich wird dieser Vorgang an den Einsätzen der AnthropologInnen im Irakkrieg der US-Amerikaner. Für die AnthropologInnen stellt dies nicht nur eine besondere Gefährdung ihrer Selbst dar, sondern auch die Reputation des gesamten Faches ist gefährdet. Vertrauen als grundlegende Voraussetzung und Basis in der Feldforschung ist schwierig aufzubauen, der Verdacht eines bloßen (Aus)Spionierens wächst und läßt uns so als bloße (bessere) Spione erscheinen. Dieses und weitere Aspekte gilt es zu beachten. Die American Anthropological Association verweist in diesem Zusammenhang auf ihren „code of ethics”. Dieses paper gibt jedoch auch nur einen sehr weit gefassten Rahmen vor. Deshalb gilt es, diese Debatte aufrecht zu erhalten, um etwaige schädliche Auswirkungen des Arbeitens von AnthropologInnen für militärische Ziele zu vermeiden/vermindern.
Thomas Gimesi
Ökonomischer Wohlstand und soziale Gerechtigkeit
Zur Lage ethnischer Minderheiten im Wirtschaftswunder Vietnam
Die in den 1980er Jahren initiierte Reformpolitik (doi moi) war erfolgreich und hat Vietnam bislang ein hohes wirtschaftliches Wachstum beschert. Die Tourismusbranche boomt und die Mitgliedschaft bei internationalen Organisationen hat ebenfalls dafür gesorgt, ausländische Investoren in das Land zu locken. Der Erfolg brachte jedoch auch Schattenseiten mit sich: Das Vermögen ist ungleich auf die 54 offiziell anerkannten ethnischen Gruppen Vietnams verteilt. Obwohl in den letzten Jahren die Zahl der in Armut lebenden Menschen insgesamt drastisch gesunken ist, zeigt sich bei den ethnischen Minderheiten, die überwiegend in den Bergregionen im Landesinneren beheimatet sind, nur eine geringe Besserung ihrer Lebenssituation. Trotz umfangreicher Initiativen des vietnamesischen Staates zeigen aktuelle Studien, dass es bislang nur unzureichend gelungen ist, die von den industriellen Kernzonen entfernten Gebiete am wirtschaftlichen Wachstum teilhaben zu lassen. Selbst jene Vorstöße, wie etwa der Kaffeeanbau in den Central Highlands oder der florierende Tourismus an der Grenze zu Südchina, zeigen, dass die Widersprüche zwischen Sozial-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik oftmals auf dem Rücken der Minderheiten ausgetragen werden. In dem Vortrag soll auf die aktuelle Situation der ethnischen Minderheiten Vietnams anhand der zwei zuvor genannten Beispiele gesondert eingegangen werden.
L I N K S
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