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Zur Geschichte des/der Psychiaters/in

psychiatrie“Mein Ungenügen hat mich der kargen Lyrik des Zitierens überantwortet.”
Michel Foucault (2001, S. 11)

Sehr geehrte Damen und Herren, geehrtes Publikum!

Beginnend darf ich mich bei den Organisatorinnen dieser Tagung für die Gelegenheit, hier zu sprechen, bedanken. Eine recht ungewöhnliche Gelegenheit für mich, da ich im Gegensatz zu den Referentinnen vor mir bei dieser Tagung zur Geschichte der Psychiatrie weder Mediziner, noch Medizinhistorikerin, weder Ethnologe oder Spezialistin in einer bestimmten historischen Periode der Psychiatriegeschichte und auch nicht im medizinisch-therapeutischen Bereich tätig bin, sondern vielmehr von der Philosophie her komme. Und Philosophen haben ja bekanntlich ein sehr eigenwilliges Verhältnis zur Wirklichkeit, zumindest seit Platon die Weltverdoppelung herbeigeführt und die überhimmlischen Orte der wahrhaft seienden Ideen erschaffen hat. Seit diesem Zeitpunkt zumindest begleitet eine problematische Beziehung zur Wirklichkeit den Gang der Philosophie. Mehr als zweitausend Jahre später aktualisiert Wittgenstein diese Situation und verteidigt das Sprachspiel der Philosophie, indem er beschreibt, wie zwei Philosophen in einem Garten darüber debattieren, ob der Baum, unter welchem sie sitzen, nun tatsächlich ein Baum ist oder eben nicht. Dabei zeigt einer der beiden auf den Baum und sagt: „Das ist ein Baum!” Ein Irrenarzt, wie Wittgenstein die Psychiater nennt, der diese Szene zufällig beobachtet und nicht weiß, dass sich hier zwei Philosophen unterhalten, könnte dann fragen: „Was ist das?” und dabei auf den Baum zeigen. Abhängig von der Antwort wird er dann den einen oder im besten Falle beide für verrückt erklären.

Noch vor Wittgenstein seine Gedanken hinsichtlich Lebensform und den damit unauflöslichen Sprachspielen zu Papier bringt, ist es der “weltberühmte Psychologe und Zeitgenosse von Freud, Carl Gustav Jung” (vgl. Hinshaw, Fischli (Hg.), 1986, S. XIV), der bei seinem Besuch der Taos Pueblos in New Mexiko erstmalig mit Indianern zusammentrifft und sich mit ihnen über die Europäer unterhält. Dabei erfährt Jung viel Erstaunliches, auf das er später immer wieder bei verschieden Gelegenheiten zurückkommt und berichtet:

“Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Häuptling der Pueblo Indianer … Er sprach zu mir über seinen Eindruck vom weißen Mann und meinte, die Weißen seien ständig von Unruhe geplagt, immer auf der Suche nach etwas; deshalb seien ihre Gesichter von Runzeln durchzogen, was ihm als ein Beweis ewigen Unfriedens erschien. Ochwiay Biano war zudem der Ansicht, die Weißen seien verrückt, denn sie behaupteten ja, dass sie mit dem Kopf dächten, wo es doch allgemein bekannt sei, dass nur die Verrückten dies täten.” Daraufhin fragte Jung den Häuptling erstaunt, wie denn er denke, und ” … ohne zu zögern antwortete er, natürlich denke er mit dem Herzen.” (ebd. S. 257)

Darüber, dass die Weißen verrückt sein müssen, schienen sich die so genannten amerikanischen Wilden einig zu sein. Einige Jahrzehnte früher diagnostizierte ein Oglala Sioux die Krankheit des weißen Mannes mit ähnlichen Worten und in bestechender Logik: “In diesem Herbst (1883) … wurden von den Uaschitschun (Weißen) die letzten Büffelherden hingeschlachtet. … Die Uaschitschun töten sie nicht, um sie zu essen; sie töten sie wegen des Metalls, das die Leute wahnsinnig macht, und sie nahmen nur die Häute, um sie zu verkaufen. Manchmal nahmen sie nicht einmal die Häute, sondern nur die Zungen. … Da könnt ihr sehen, dass die Menschen, die solches taten, nicht bei Verstand waren.” (Forbes, 1981, S. 44)

Neben Jung, der die edlen Wilden persönlich besucht, denkt auch Sigmund Freud nach über das Seelenleben der Wilden und mit Totem und Tabu treibt er nicht nur die Entwicklung der psychoanalytischen Theorie voran, sondern leistet darüber hinaus auch einen äußerst wirkungsvollen Beitrag zu einer Theorie der Zivilisation und der Trennung von Natur und Kultur. Bezeichnend der Untertitel: Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. Dabei bezieht sich Freud unter anderem auf die Völkerpsychologie von Wilhelm Wundt und die dort formulierten Gesetze der Zivilisationsentwicklung. Ebenso sind es die Schriften von Sir James Frazer, die Freud rezipiert und auf welche er sich in seinen Formulierungen stützt. Wittgenstein ist es dann wiederum, der an den Auffassungen Frazers kein gutes Haar lässt und ihm vorwirft, schlichtweg unfähig zu sein, eine andere als die eigene sprich viktorianische Lebensform anzuerkennen und nur in Ansätzen verstehen zu wollen. Kurz nach dem Erscheinen von Totem und Tabu ist Bronislaw Malinowski bereits auf den Trobriand-Inseln im Pazifik gezwungen, seinen Forschungsaufenthalt durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges entschieden zu verlängern und in in weiterer Folge werden die Forschungen der modernen Anthropologie und Ethnologie Freuds Kulturkonstrukt und mithin jede linear-evolutionäre Theorie der Zivilisation zunehmend ins Reich der Fantasie verweisen.

“Wenn Freud, der die Werke der wissenschaftlichen Afrika-Eroberer Stanley und Baker aufmerksam rezipiert hatte, auf seinem eigenen Weg zum Ruhm sich für das >wahre innere Afrika< … entschied, so bewies er mit der Wahl seiner Forschungsrichtung einen vorzüglichen imperialen Instinkt.” (Sloterdijk, S. 930f), dem auch seine Schüler/innen folgen und im Gegensatz zu ihrem Meister gemeinsam mit Ethnologinnen und Anthropologen aufbrechen, um das Seelenleben der wilden Völker vor Ort zu studieren. Und so wie die Hottentotten, in ihrer unmenschlichen Hässlichkeit in keinem Standardwerk der Anthropologie des 19. Jahrhunderts fehlen durften, werden ab Mitte des 20. Jahrhunderts die Träume der Wilden, ihr Aberglaube und ihre scheinbar kindlichen sprich magischen Vorstellungen der Welt zu einem zentralen Forschungsbereich der Ethnopsychoanalyse ebenso wie der Anthropologie und Ethnologie.

Das Problem dabei besteht aber darin, dass die Geister, wie es in einem haitianischen Sprichwort heisst (vgl. Duerr, S. 204), die Insel verlassen, sobald die Ethnopsychiater und Anthropologinnen auftauchen, und diese mithin nie (!) die Gelegenheit haben werden, die Geister und Schamanen wirklich zu Gesicht zu bekommen. Ein Zauberer, der behauptet fliegen zu können, ein Schamane oder eine Heilerin, die mit obskuren Praktiken gegen die Verhexung ihres Klienten ankämpft, all das und noch viel mehr muss darum den Ethnopsychoanalytikerinnen wie den Anthropologen äußert verdächtig erscheinen. Und so ist es dann auch Georges Devereux, der Mit-Erfinder der Ethnopsychoanalyse, der die Situation in den Griff bekommt und den Schamanen als einen Psychotiker im Zustand einer temporären Remission (vgl. Duerr,1985, S. 71) definiert. So “…wird von alten Schamanen berichtet, die in schamanistischer Trance ohne sichtbare Erschöpfung stundenlang tanzen und gewaltige Luftsprünge vollführen. Ähnliche Phänomene kennt jeder Psychiater, der erleben mußte, wie ein akuter Psychotiker von mehreren starken Männern kaum zu bändigen ist.” (Heller, 2003, S. 175) Entsprechend dieser Ansicht werden Schamanen, Hexen oder Zauberinnen aus der Sicht der westlichen Wissenschaft als geisteskrank verstanden und in der Sprache der zeitgenössischen Psychopathologie klassifiziert.

Synonym mit dem nordasiatischen Schamanismus wurde der Begriff der arktischen Hysterie verwendet und der Schamane als Idiot oder als neurotischer Epileptiker bezeichnet.“ (vgl. ebd. S. 166). Devereux geht aber noch weiter, und behauptet: „Primitive religion and in general quaint primitive areas are organized schizophrenia.“ (zitiert nach: Duerr, 1985, S. 19) Damit ist das radikal Andere, welches der fliegende und heilende Schamane darstellt und mithin die Welt der Wilden und Primitiven gebannt und schlicht als geisteskrank denunziert. Die abendländische Vernunft und ihre Monster behalten die Oberhand.

“Wir sagen dann: Wenn ich das täte, was der Schamane tut, dann wäre ich ein Fall für den Psychiater.” Nur mit der Frage, was wäre wenn… ist an dieser Stelle nicht viel auszurichten. Der Anarchist und Anthropologe Alfred Radcliff Brown kontert mit der Frage: Was wäre, wenn ich ein Pferd wäre? Wäre ich dann auch ein Fall für den Psychiater oder würde mir einfach das Gras nicht schmecken? (vgl. Duerr, 1985, S. 205) Wittgenstein formuliert an dieser Stelle sinngemäß ein Koan und stellt fest: Wenn einer sagt: “Ich habe einen Körper” den möchte ich fragen: “Wer spricht mit diesem Mund?”

Wichtig bei dieser Betrachtung ist auch die Tatsache dass in fast allen nichtwestlichen Kulturen außergewöhnliche Bewusstseinszustände grundsätzlich als wertvoll gelten (vgl. Heller, 2003, S. 164) und entsprechend ihren Platz und ihre Funktion in den jeweiligen Gesellschaften einnehmen. Nichts desto trotz wird aber auch in außereuropäischen oder so genannten primitiven Gesellschaften sozial abweichendes Verhalten sanktioniert, und insofern ist vielleicht Devereux’ Beschreibung der Wilden als Schizophrene ohne Tränen, sprich ohne das Leid, welches die in Europa bekannten Einkerkerungspraktiken den Irren zufügen, zu sehr seiner Vorliebe für den edlen Wilden geschuldet. Wichtig dabei aber ist, dass mit dem Entstehen der Ethnopsychoanalyse der vorherrschende “ethnozentrische Imperialismus der klassischen Psychiatrie” (vgl. Schneider, 2001, S. 32) gebrochen wird und es nicht zuletzt das ” … Verdienst der Ethnopsychologie ist – einer modernen Form der klassischen Völkerpsychologie – in den letzten vier bis fünf Jahrzehnten die abendländischen Vorstellungen von ‘geistiger Gesundheit’ und ‘Normalität’ nachhaltig erschüttert und deren sozio-kulturelle Relativität erwiesen zu haben.” (ebd. S. 31)

Es ist diese Allianz zwischen Ethnologie und Psychoanalyse seit dem frühen 20. Jahrhundert, die Michel Foucault dazu bewegt, beide Wissenschaften 1966 (Die Ordnung der Dinge) in seiner Geschichte der Humanwissenschaften als Gegenwissenschaften zu thematisieren und zu privilegieren. Foucault, der ja dabei ist, eine Ethnologie der eigenen Kultur zu erarbeiten und mithin der Ethnologie als Wissenschaft vom kulturell Fremden eine neue Zielrichtung vorgibt, wird 1961 einen ersten Ansatz mit Wahnsinn und Gesellschaft in diese Richtung vorlegen. Sein Forschungsgegenstand sind nun nicht mehr die unvernünftigen und irrationalen Wilden, sondern die in unseren abendländischen Gesellschaften ausgegrenzten und mithin eingesperrten Irren und die damit verbundene Formierung eines medizinisch-juristischen Dispositiv, in welchem die Formen des Wahnsinn verhandelt werden. Seine unerfüllbare Hoffnung besteht darin, in der „ … Geschichte jenen Punkt Null der Geschichte des Wahnsinns zu finden, an dem der Wahnsinn … noch nicht durch eine Trennung gespaltene Erfahrung ist“ (Foucault, 1969, S. 7), die eingekerkert und eingekreist von den Fragen der Humanwissenschaften zum Schweigen verstummt ist. „Die Sprache der Psychiatrie, die ein Monolog der Vernunft über den Wahnsinn ist, hat sich nur auf einem solchem Schweigen errichten können“ (ebd. S. 8). Foucaults Versuch besteht nun darin, eine Archäologie dieses Schweigens zu schreiben, zu welchem die Irren seit Anbeginn des Zeitalters der Vernunft verurteilt waren. Später wird Foucault seine Einschätzung hinsichtlich der Psychoanalyse radikal revidieren und diese als Geständnistechnologie der Gegenwart aus der Tradition der abendländischen katholischen Beichte bestimmen. Er erkennt den abendländischen Menschen zunehmend als Geständnistier um 1976 (Der Wille zum Wissen) den Bruch mit der Psychoanalyse endgültig zu vollziehen. In diesem Zusammenhang sieht Foucault die Diskursivierung des Menschen nicht bestimmt durch repressive, sondern vielmehr durch produktive Verhältnisse.

Allerorts werden die Menschen aufgefordert, ihr Innerstes nach Außen zu kehren, um im Geständnis, der Beichte oder im Zuge einer Analyse oder Psychotherapie Zeugnis abzulegen vom Menschlichen. Die Menschen sind gezwungen, Auskunft zu geben und zugleich weicht dieser Zwang zunehmend einem Wunsch zu sprechen. Von der Talkshow bis in die Behandlungszimmer der Psychoanalytiker findet sich diese Linie, auf der die Menschen zum Sprechen angehalten sind, um die Wahrheit über sich selbst und ihre Krankheit in Erfahrung zu bringen. Demzufolge hat sich die Zahl derer, die im Rahmen einer klassischen Psychoanalyse oder der verschiedensten anderen Psychotherapieformen ihrer Ohren vermieten, in den letzten Jahren geradezu vervielfacht und ein ganzes Spektrum neuer Berufsfelder im psychisch-therapeutischen Bereich ist entstanden. Die Entwicklung relativ nebenwirkungsarmer Antidepressiva und anderer Psychopharmaka ermöglicht eine zunehmend flächendeckende Behandlung der in zunehmenden Ausmaß diagnostizierten Depressionserkrankungen. Mother’s Little Helper - die kleinen farbigen Pillen sind teil der Alltagskultur geworden und seit Beginn der Prozac-Revolution schlucken Millionen Menschen in den ersten Welten ihr tägliches Quantum. In den psychiatrischen Anstalten sind die eisernen Ketten und Käfigbetten dem massiven Einsatz von Psycho-Drogen gewichen. Ebenso verhält es sich Haftanstalten: auch dort ist der verordnete Konsum von Psychopharmaka in hoher Anzahl und Dosierung an der Tagesordnung.

“Noch 1815 – wenn man einem Bericht, der dem House of Commons vorgelegt wurde, glauben will – stellte das Hospital von Bedlam jeden Sonntag Irre für einen Penny aus. Das jährliche Einkommen dieser Ausstellung betrug etwa 400 Pfund, was die erstaunlich hohe Zahl von 96.000 Besuchern jährlich bedeutet. In Frankreich blieb … die Schaustellung der Irren bis zur Revolution eines der Sonntagsvergnügen der Bourgeoisie.” (ebd. S. 138) Ein zeitgenössischer Beobachter stellt dazu kritisch fest, dass die Irren ” … wie seltsame Tiere dem erstbesten Trottel vorgeführt werden, der bereit war Geld zu geben. … Man lässt die Wärter die Irren ausstellen, wie der Dompteur auf dem Jahrmarkt die Affen zeigt. Einige der Wärter waren bekannt, für ihr Geschick, die Irren Tänze und Akrobatik vorführen zu lassen, während sie mehrmals mit der Peitsche knallten.” (ebd.) Später dann, werden die Irren, die gerade bei Verstand sind, ihre Leidensgenossen vorführen und es gibt Schauspielvorstellungen, bei welchen ihnen Rollen zugewiesen werden, bei welchen ein oberflächliches, verantwortungsloses und oft boshaftes Publikum sich an den bizarren Gebärden dieser Unglücklichen erfreut. (vgl. ebd. S. 139)

Und so stellt Foucault fest: “Bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts … blieben die Irren Monster … Lebewesen oder Sachen, die des Zeigens wert sind.” (ebd. S. 139), um dann zunehmend im Inneren der Anstalten zu verschwinden. Der Wahnsinn als das Andere der Vernunft ist eingekreist von einer Vielzahl medizinischer, juristischer, politischer, gesellschaftlicher Diskurse und als Krankheit bestimmt, deren Heilung der Zukunft und dem Fortschritt aufgegeben ist. Auf der Bühne aber hat der Wahnsinn ausgedient und wird zugleich ersetzt durch den ausgestellten Wilden, mit welchem ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Völkerschauen versuchen das Andere der Vernunft zu inszenieren. Und so treten die Wilden an die Stelle der Irren: denn sowohl als auch fehlt es ihnen angeblich an vernünftigem Menschenverstand und dem richtigen Glauben. Insofern handelt es sich in beiden Fällen um gleichsam unvollständige Menschen. In ihnen scheint die Trennung von Natur und Kultur noch nicht ganz vollzogen zu sein und das wilde Tier im Menschen gewinnt zuweilen die Überhand.

Und gleichgültig ob in Chicago, Berlin oder in Wien werden die sogenannten Wilden wie zuvor die Irren auch aus wissenschaftlichen Überlegungen zur Schau gestellt. (vgl. dazu: Pöhl, 2007) Damit lässt sich behaupten: die sogenannten Wilden sind wie “(d)er Wahnsinn … etwas geworden, was man anschauen kann, nicht mehr ein Monstrum im Inneren des Menschen, sondern ein Lebewesen … eine Bestialität, in der der Mensch seit langem beseitigt ist.” (Foucault, 1969, S. 140) Und diese Bestialität ist es, welche das Publikum der europäischen Städte massenhaft in helle Aufregung versetzt. In Deutschland ist es nicht von ungefähr der Tierparkbesitzer und Importeur von wilden Tieren Carl Hagenbeck, der sein Sortiment tatkräftig ausbaut und um Wilde aller Art ergänzt. Schließlich strömten Hunderttausende in die Tierparks, die sich in ihrem Angebot die natürliche Wildheit zur Schau zu stellen geradezu überbieten. Beispielhaft für diese Gegebenheit ist das Schicksal von Abraham Ulrikab und seiner Familie: 1880 verlässt der zum Christentum bekehrte Abraham mit seiner Familie und einem Schamanen die Heimat im Polarkreis. Es ist der Seefahrer und Händler Johan Adrian Jacobsen, der im Auftrag Hagenbecks Abraham Ulrikab mit weiteren sieben Inuits vorerst nach Hamburg verfrachtet. Schlussendlich landen sie im Berliner Zoo und sind die Attraktion für ein abertausendfaches Publikum. Ihre geplante Tournee umfasste folgende Städte: Berlin, Frankfurt, Darmstadt, Krehfeld und Paris. Doch daraus wird nichts, weil bereits weniger als ein halbes Jahr nach der Ankunft in Europa am 16. Jänner 1881 das letzte Mitglied der Gruppe verstirbt. Man hatte ganz einfach darauf vergessen, sie gegen die Pocken zu impfen. (vgl. Lutz, 2005) Und so ergeht es dann den Wilden wie zuvor den Irren:

“Es gilt bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts als bekannt, dass die Irren unendlich elende Lebensbedingungen ertragen können. Man braucht sie nicht zu schützen, sie nicht zudecken und nicht zu wärmen. … Als 1811 Samuel Tuke ein workhouse … besucht, sieht er, wie das Licht durch vergitterte Luken in die Zellen dringt. Alle Frauen waren völlig nackt. >Die Kälte war sehr streng, und am Vorabend zeigte das Thermometer 18 Grad Kälte. Eine der unglücklichen Frauen lag auf etwas Stroh, ohne eine Decke zu haben.< Diese Fähigkeit der Wahnsinnigen, wie die Tiere die schlimmsten Witterungsverhältnisse zu ertragen, wird noch für Pinel ein medizinisches Dogma sein; stets wird er bewundern, mit welcher Standhaftigkeit Wahnsinnige beiderlei Geschlechts die schärfste und sehr lang anhaltende Kälte ertragen.” (Foucault, 1969, S. 144)

Einige Jahrzehnte später sind es nun die scheinbar wilden Ashantee, die 1896 im Wiener Tiergarten gastieren und trotz der herbstlichen Kälte nackt auftreten müssen. In der Beschreibung von Peter Altenberg, der sich ja speziell mit den Frauen dieser in seiner Diktion wunderschönen, exotischen Paradiesmenschen angefreundet hatte, lautet dies dann so:

“>Es ist kalt und ganz feucht, Tíoko. Überall Wasserlachen. Ihr seid nackt. Warum diese dünnen Leinensachen?! Kalte Hände hast du, Tíoko. Ich werde dir sie erwärmen. Baumwoll-Flanell braucht ihr wenigstens, nicht gezwirnte Ware.< Tioko antwortet: >Wir dürfen Nichts anziehen, Herr, keine Schuhe, nichts, sogar ein Kopftuch müssen wir ablegen. Wilde müssen wir vorstellen. Ganz närrisch ist es.<” (vgl. Altenberg, 1897)

Literatur

  • Altenberg, Peter: Ashantee im Wiener Tiergarten, Bei den Negern der Goldküste, Westküste, Fischer, Berlin 1897.
  • Duerr, Hans Peter: Satyricon, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1985.
  • Duerr, Hans Peter: Traumzeit, Über die Grenzen zwischen Wildnis und Zivilisation, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1984.
  • Forbes, Jack D.: Die Wetiko Seuche, Eine indianische Philosophie von Aggression und Gewalt, Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 1981.
  • Foucault, Michel: Das Leben der infamen Menschen, Merve, Berlin, 2001.
  • Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft, Eine Geschichte des Wahnsinns im Zeitalter der Vernunft, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1969.
  • Freud, Siegmund: Totem und Tabu, Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker, Heller & Cie, Leipzig und Wien, 1913.
  • Heller, Gerhard: Wie heilt ein Schamane in: Lang, Hermann (Hg): Wirkfaktoren in der Psychotherapie, Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2003.
  • Hinshaw, Robert und Fischli, Lea (Hg): Jung im Gespräch, Interviews, Reden, Begegnungen, Daimon Verlag, Zürich, 1986.
  • Lutz, Hartmut (Ed): The Diary of Abraham Ulrikab, Text and Context, University of Ottawa Press, 2005.
  • Pöhl, Friedrich: Tote und Lebende in: Gimesi, Thomas, Hanselitsch, Werner (Hg): Das Fremde im Raum, Lit-Verlag, Wien, Berlin, 2007.
  • Sloterdijk, Peter: Sphären II, Globen, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1999.
  • Schneider, Peter, K: Wahnsinn und Kultur, oder Die Heilige Krankheit, Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2001.
  • Wittgenstein, Ludwig: Über Gewißheit, Werkausgabe Band 8, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1984.

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Ich lebe in einer biologischen und physiologischen Zeit, die nicht die einer Pflanze ist, ich habe eine begrenzte Lebensdauer, nehme bestimme Phänomene wahr, besitze die Fähigkeit mich zu bewegen - all dies bildet den Körper und die Begrenzung meines Lebens.
Paul Virilio
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