Was ist Wissenschaft?
Keine Sorge, verehrter Leser, verehrte Leserin, wir wollen uns nicht in die philosophische Tiefe dieses Themas hinabwagen und Zitate anhäufen, was dieser oder jener Denker dazu schon Denkwürdiges festgehalten hat. Wir wollen uns zunächst mit der bloßen Feststellung begnügen, dass es sich dabei um eine zuhöchst streitbare Frage handelt. Das scheint eine triviale Floskel zu sein und dennoch, man glaubt es kaum, viele Menschen, in und außerhalb „der“ Wissenschaft, haben dieses simple Faktum nicht auch nur ansatzweise verstanden, geschweige denn verinnerlicht.
Ich musste vergangenes Semester ein, für das Doktoratsstudium, verpflichtendes Privatissimum aus Wissenschaftstheorie absolvieren, weil man in der Planung des Curriculums – und das ist ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke – wohl zu dem Schluss gekommen ist, dass es ungünstig wäre, wenn jemand mit dem Titel des Doktors/der Doktorin eine Universität verlässt ohne einmal davon gehört zu haben, dass die fundamentalen Voraussetzungen eines Fachs mindestens reflexionswürdig, wenn nicht sogar grundsätzlich zu hinterfragen sind. Wissenschaftstheorie zu betreiben bedeutet zunächst einen Prozess in Gang zu setzen, im Laufe dessen man sich bewusst wird, dass die spezifischen Methoden und (Mess-)Instrumente einer bestimmten Disziplin nicht vom Himmel gefallen sind, sondern in einer Tradition von unterschiedlichen methodologischen Schulen resp. wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Ansätzen stehen, denen jeweils auch unterschiedliche ontologische Prämissen zugrunde liegen. Daraus folgt: Ideologie lauert an allen Ecken und Enden!
Geradezu konträr zu solcher Bewusstmachung verlief dann mein Seminar. In vier von sieben Blockeinheiten wurde überwiegend der kritische Rationalismus K.R. Poppers kritiklos referiert, vielleicht noch mit Querverweisen zu anderen Varianten des Positivismus. Die verbliebenen drei Seminarsitzungen füllte man noch mit Themen, wie etwa Fragen der „Gendergerechtigkeit“ wissenschaftlichen Arbeitens. Dieses Seminar war geradezu eine Rechtfertigungs- und Affirmationsveranstaltung für einen wissenschaftspositivistischen Mainstream, in dem „alternative“ Sichtweisen, keinen Platz hatten, was nicht genuin philosophisch geschulten Doktoranden das Bild vermitteln musste, dass es so ist und zu sein hat, dass man entweder die richtige Methode anwendet oder eben unwissenschaftlich widersprochen werden! arbeitet – tertium non datur! Bei aller Forschrittsgläubigkeit die manche an den Tag legen, verwundert es, dass genau jene im Wesentlichen beim Empirismus des 18. Jahrhunderts stehen geblieben sind – als ob es nie einen Nietzsche, einen Husserl, einen Freud, einen Heidegger, eine kritische Theorie oder eine Postrukturalismus-Debatte gegeben hätte. Dann darf man sich zum hundertsten Mal das Axiom der Axiome zu Gemüte führen: Nur Denken ohne Widersprüche sei wahrhaftes Denken. Dem müsste einmal mit aller Vehemenz widersprochen werden!
Diese Anekdote ist repräsentativ für zahlreiche Erfahrungen, die ich leider im Lehr- und Forschungsbetrieb der Universität machen durfte. Man kann sich kaum vorstellen, was unter der sich besonders „demokratisch“ gerierenden Oberfläche „aufgeklärter“ Institutionen an Irrationalem wuchert; und wie viele implizite Grundannahmen wissenschaftsinterne Spielregeln hervorbringen, die selten offen auf den Tisch gelegt werden. Man braucht dann nicht erst am Ast des „Establishments“ zu sägen, es reicht schon ein kleiner Windhauch, um die Agenten der „wahren Wissenschaft“ auf den Plan zu rufen und sie die nervös „Unwissenschaftslichkeits-Keule“ schwingen zu sehen. Oft genügt der Eindruck, dass man mit gewissen Fragen zu tief in das „Süppchen“ des Nachbarn geschaut hat, um unappetitliche Reaktionen heraufzubeschwören. Das allein wäre ein lustiges Spektakel, hätte es nicht traurige Konsequenzen, wie die zahllosen Intrigen, das gegenseitige Ausboten und Untergriffe der übelsten Sorte, von denen ich hören musste oder die ich indirekt und zum Teil direkt miterlebt habe.
Selbstverständlich wird auch „von Außen“ ideologieorientiert gesteuert, kontrolliert und definiert. Man denke nur daran, wie die (staatliche und nichtstaatliche) Forschungsförderung durch Drittmittel bestimmte Diskurse marginalisiert, die nicht „international wettbewerbsfähig“ sind. Massenmediale Öffentlichkeit und Politik haben zudem Begriffe wie „Universität“, „Wissenschaft“ und „Forschung“ unwiderruflich mit Vokabeln junktimiert, die eine ökonomistische Vereinnahmung der Bildungseinrichtungen längst schamlos und offen zur Schau stellen. Wann haben sie das letzte Mal etwas über Forschung gehört oder gelesen, wo nicht Wörter wie „Bachelor/Master“, „Ranking“, „Konkurrenzfähigkeit“, „Exzellenzinitiative“, „Top-Ausbildung“ oder „Eliteuniversität“ vorkamen? Die aktuellen Studentenproteste in Österreich sind kein Aktionismus „linker Randalierer“, sondern zeugen von einem sich ausbreitenden Unbehagen vieler Menschen, die sich nicht restlos als passiver Bestandteil in ein zusehends engmaschiger agierendes und verschultes System einfügen wollen.
Was das ganze mit dem Verein Rationalpark und der nunmehr vorliegenden dritten Publikation aus der Reihe ‚plateaus’ zu tun hat, möchte ich Ihnen verehrter Leser, verehrte Leserin nicht weiter vorenthalten. Vor nicht allzu langer Zeit kam mir zu Ohren, dass in gewissen Kreisen, die ich hier nicht weiter benennen möchte, dieser unser Verein als „Feinbild“ betrachtet wird und zwar aus nämlichen Gründen, denn was wir vorlegen, sei keine Wissenschaft, und noch viel weniger Philosophie. Ohne mich jetzt konkret in diese kleine Tratsch-Geschichte vertiefen zu wollen, kam ich durch diesen Anlassfall wiedereinmal ins Grübeln darüber, aus welchen Motiven jemand so argumentiert, oder genauer gesagt: nicht mehr argumentieren kann. Etwas als nicht wissenschaftlich abzuqualifizieren, geschieht – zumindest in meiner Wahrnehmung –fast ausschließlich, wenn jemand mit seinem Diskurslatein am Ende ist, die vorgefertigten Erklärungen verpulvert wurden und jemand heftig zu rudern beginnt, weil er um all das fürchtet, was Halt und Sicherheit gibt, aber leider auch Borniertheit und Verblendung verantwortet.
Es liegt mir fern, unseren Verein zur subversiven Untergrundorganisation zu stilisieren, die sich als oberste Agenda den Umsturz der althergebrachten Paradigmen gesetzt hat. Es ist viel banaler: Was offenbar Skepsis oder gar Ablehnung hervorruft, ist zunächst nicht einmal eine theoretisch-inhaltliche Divergenz, sondern vielmehr eine praktische. Es wird meiner Erfahrung nach von vielen bereits als anstößig empfunden, dass sich Studenten, Graduierte ohne wissenschaftliche Anstellung, Lehrende und Forschende aus unterschiedlichen Fächern zusammenschließen und selbstständig, abseits der eingesessenen Institution – der Universität –Wissenschaft betreiben und zwar vornehmlich in der Form autonomer Publikationen. Den Sanktus dazu – und jetzt wird es wirklich blasphemisch – gaben wir uns selbst.
Damit sind wir beim Ursprung des Rationalparks. Als mir Thomas Gimesi das erste mal von der Idee berichtete, einen Verein zu gründen, hätte ich mir nicht gedacht, dass wir eines Tages bei einer Generalversammlung zusammensitzen und auf ein Jahr geleistete Arbeit zurückblicken können, deren Output mehrere Publikationen waren. Das Projekt ist langsam gewachsen und war keineswegs ein Schnellschuss. Am Anfang standen kurze Artikel und Rezensionen auf einer überschaubaren Webseite, heute stehen wir bei einer regelmäßig erscheinenden, größtenteils selbst finanzierten und von einem treuen Mitgliederstab gestalteten Sammelbandreihe sowie einigen unregelmäßig erscheinenden Monographien. Es verwundert eigentlich nicht, dass bei Menschen, die sehr hohe Stücke auf den klassischen „Gang durch die Institutionen“ halten, der Verdacht aufkommt, ob es da wohl mit „Rechten Dingen“ zugeht. Schließlich müssen viele begabte Jungwissenschaftler lange genug ihren Professoren die Türklinke putzen, bis sie ins erlauchte Reich der Wissenschaftlichkeit eintreten können und die offizielle Bestätigung erhalten, dass sie nun reif sind, ihre Arbeit einer Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Schnell werden Einwände laut, die sagen: Da kann ja jeder kommen, was ist mit der Qualitätskontrolle?
Dazu möchte ich zweierlei anmerken. Erstens: Wir müssen nicht Foucault bemühen, um zu erkennen, dass dieser Begriff ein Euphemismus ist, hinter dem rigide Disziplinierungstechniken verbergen. Also von welcher Qualität kann hier die Rede sein, wenn nicht vornehmlich von Anpassung, Begrenzung und Ausschluss? Zweitens: Selbstverständlich gibt es Qualitätssicherung auch in unserem Verein, wenngleich nicht durch formalisierte, abstrakte Mechanismen und Verfahren der Be- und Aburteilung, sondern aus der Dynamik des Gemeinsamen heraus. Die Qualität der Beiträge, auch im aktuellen Band, spricht in puncto Wissenschaftlichkeit für sich selbst und jeder ist eingeladen sich ein unvereingenommenes Bild zu machen.
Es geht nicht darum, den Wert der Universität und der institutionalisierten Wissenschaft gering zu schätzen, schließlich haben die Mitglieder des Vereins ihre Kenntnisse, ihre intellektuellen Feinwerkzeuge und ihre Fähigkeiten auch dort erworben. Zudem steht uns kein Bruch mit allen wissenschaftlichen Traditionen und Grundregeln vor Augen. Wir behaupten vielmehr, dass unsere Arbeit den formalen Ansprüchen von Wissenschaftlichkeit nicht nur genügt, sondern auch anregt diese kreativ weiterzuentwickeln oder kritisch zu hinterfragen, ohne der Beliebigkeit das Wort zu reden. Aber: Ob wir nun ehrwürdige Positionen an einer Forschungseinrichtung inne halten oder nicht, ist definitiv kein schlüssiges Kriterium, um über die Daseinsberechtigung, Wissenschaftlichkeit oder den Gehalt unserer Arbeit zu urteilen.
Leider – und das scheint ein Stück weit auch ein „österreichisches“ Phänomen zu sein – findet man ohne Titel und Position kaum gehör. Manchmal, wenn ich Zeitung lese oder Nachrichten sehe, bekomme ich das Gefühl in einer „Expertokratie“ zu leben, wobei der Begriff des Experten an formaltechnische und immer mehr ökonomische Kriterien – professioneller Rang, Publikationslisten, Erfolg bei Projektanträgen, internationale Konkurrenzfähigkeit – gebunden ist und nicht an inhaltliche. Es entsteht manchmal der Eindruck, als ob in einer Gesellschaft mit überbordendem Informationsfluss, immer mehr Menschen der wachsenden Komplexität mit verstärktem Vertrauen an die vermeintlich „Wissenden“ begegnen. Eine nicht ungefährliche Entwicklung, wenn fairer weise auch gesagt werden muss, dass die andere Seite der demokratischen Medaille, nämlich dass jeder im Grunde das gleiche wissen, tun und erreichen könnte, mindestens genauso falsch ist. Selbstredend gibt es qualitative Unterschiede und nicht alles was irgendwer denkt, schreibt oder publiziert ist auch hochwertig. Aber diese Unterschiede entscheiden sich an der Sache und nicht an ihrer formaltechnischen Garnitur.
Wir wollen nicht zu weit abschweifen – zurück zu „uns“: Was den Rationalpark für mich auszeichnet, ist gerade nicht eine gemeinsame Theorie oder Ideologie, noch weniger eine muffige „Vereinsmeierei“ mit billigen Identitätsangeboten à la „Wir gegen die Anderen!“. Wir kämpfen nicht gegen einen gemeinsamen Feind, haben keine parteipolitische Ambition und hängen keiner Weltverschwörungstheorie an. Was den Verein auszeichnet ist das, was er an Output generiert. Allerdings besteht der Affront für einige in der schlichten Existenz des Vereins, die aus einem rein praktischen Interesse als „Umgehung“ vorgezeichneter akademischer Bahnen zustande kam. Wir arbeiten in kleinen Schritten an unserer „freien Wissenschaft“, so problematisch und vage das auch klingen mag. Mögen wir in Hinkunft noch mehr Affront sein, der Umweg ist unser!
Ich schließe mit herzlichem Dank an die Herausgeber und Lektorinnen für die neuerlich hervorragende Arbeit bei der Vorbereitung dieser Publikation, sowie an alle Mitglieder, die sich mit hervorragenden Beiträgen beteiligt haben.
Diskussion
Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag wurde deaktiviert.
Derzeit keine Kommentare.