Die Welt befindet sich in einer Krise – darüber besteht, dank der subtilen Versorgung mit Informationen, die wir alle genießen, kein Zweifel. Wie immer ist es auch diesmal die größte Katastrophe seit Menschengedenken, seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern und seit der Sintflut. Die Betonung der Einzigartigkeit von Ereignissen und Entwicklungen ist Teil einer kommunikativen Tradition, deren Ausdruck zwischen Aufregung und Hysterie oszilliert. Ob dies nun spezifischer Ausdruck und Kennzeichen der modernen Massenmedien ist oder nicht, sei dahingestellt. Es gilt jedoch festzuhalten, dass sich der Umgang mit Krisen nicht im Wesentlichen geändert hat – die getätigten Äußerungen und angewandten Strategien sind strukturell und chronologisch ähnlich. Die Krise ändert sich in ihrer Qualität, ihrem Inhalt – das Sprechen über die Krise jedoch ähnelt sich quer durch die Geschichte frappant. Dies gilt selbst für thematisch sehr verschiedene Krisen wie die aktuelle Wirtschaftskrise und die großen Epidemien des Mittelalters. Beide scheinen auf den ersten Blick kaum in einem gemeinsamen Kontext aufzutauchen, lassen sich jedoch durchaus in einen Erfahrungshorizont einpassen.
Von weit, weit da komm ich her …
Die menschliche Geschichte ist nicht unbedingt als arm an Katastrophen zu bezeichnen, doch kaum eine Heimsuchung war derart konstant in der europäischen Geisteswelt verankert wie das Wüten der Pest. Von ihrem plötzlichen Ausbruch im 14. Jahrhundert (nachdem die letzten größeren Epidemien mehrere hundert Jahre zurücklagen) war die Bedrohung durch die Pest bis ins 18. Jahrhundert stets präsent. In jeder Stadt und in jeder Region konnte der schwarze Tod seinen Blutzoll fordern. Tatsächlich sind die Spuren, die die Pest hinterlassen hat, noch heute auffindbar – seien es die zahlreichen Pestsäulen, die diversen Pestheiligen in den Kirchen Europas wie auch die Chroniken, Aufzeichnungen und literarischen Werke aus jener Zeit.
„They say, it was brought, some said from Italy, others from the Levant, [...] others said it was brought from Candia; others from Cyprus.”[1] – dieses Zitat aus dem ersten Absatz von Daniel Defoes A Journal of the Plague Year (einem Text über die Pest in London) ist beispielhaft für die erste Begegnung mit einer Gefahr, die als fremdverursacht und extern gesehen wird. Die Distinktion zwischen „den Anderen“, die sich bereits in der Krise befinden und einem selbst – hier wird dazu tendiert, an eine sichere und unangreifbare Position zu glauben –, ist klar erkennbar. Nicht umsonst schreibt die deutsche Zeit am 22. März 2007: „Ein gewaltiges Problem für die amerikanische Volkswirtschaft ohne Zweifel – doch wie gerechtfertigt sind die Sorgen, die nun am internationalen Finanzmarkt aufgekommen sind?“ Nur um prompt zu antworten: „Alle anderen Ansteckungsgefahren sind zum Glück äußerst gering.“[2] Ein Übergriff der „ansteckenden“ Krise auf das eigene Land, die eigene Wirtschaft ist kaum zu befürchten – schließlich ist man gut vorbereitet, man hat ein reines Gewissen, hat gut gewirtschaftet usw. Das tatsächliche und unausweichliche Einsetzen der Krise ist zu Beginn durch eine Phase der Leugnung charakterisiert, die sich sowohl in den Institutionen des Machtapparates als auch in den Ansichten der Menschen wieder findet. Das Eingeständnis einer Gefahr wird durch die vorangegangenen Überlegungen, die von einer Unangreifbarkeit, von einer sicheren Position ausgingen, erschwert und begünstigen die Verdrängung und Verniedlichung unangenehmer Wahrheiten. Sich der Krise auszuliefern, impliziert sich der eigenen Schwäche bewusst zu werden und die noch unklaren Folgen der Krise zu erwarten. Manzoni beschreibt in den Promessi Sposi ein analoges Verhalten bei der Pest in Mailand: „Wer auf den Plätzen, in den Läden oder in den Häusern ein Wort über die Gefahr verlor, wer gar die Pest beim Namen nannte, stieß auf ungläubigen Spott oder wütende Verachtung. Die gleiche Ungläubigkeit oder besser gesagt die gleiche Blindheit und Halsstarrigkeit überwogen auch im Senat, im Rat der Dekurionen und in allen Behörden.“[3]
Dies Verhalten darf nicht verwundern, denn auf das Ausrufen der Pest folgten meist Maßnahmen der Isolation und Überwachung – damit einhergehend natürlich der Zusammenbruch des Handels und eine Verknappung der Nahrungsmittel, woraus sich das ängstliche Vermeiden, ja die Tabuisierung der Benennung der Krise erklärt. Die Negation der Krise kann jedoch nicht von langer Dauer sein, auch wenn sich offizielle Stellen und die Bevölkerung bemühen, Optimismus zu heucheln. So veröffentlicht die deutsche Regierung noch am 16. September 2008 folgende Mitteilung auf ihrer Homepage: „Gute Nachrichten: Die Wirtschaft gewinnt 2009 an Dynamik.“[4] Dynamik ist – bei einem Blick auf die aktuellen Tagesnachrichten – wahrscheinlich nicht einmal unrichtig.
Das Ende der Selbsttäuschung
Nach einer gewissen Zeitspanne werden jedoch die ersten Zeichen der Krise manifest und eine Leugnung ist nicht mehr möglich – es kommt zum Ausbruch, wie Manzoni schildert: „Auch in der Bevölkerung ließ nun das starrsinnige Leugnen der Pest allmählich nach und verlor sich in dem Maße, wie sich die Seuche verbreitete.“[5] Auch Abraham a Santa Clara, ein Augustinermönch und Prediger, erwähnt die Tatsache, dass die Pest „unter dem Titul hitziger Krankheit von Gewissenlosen Leuthen verhüllt, endlich in eine allgemeine Contagion ausgebrochen“[6] ist und das „Verhüllen“ unmöglich wird. Trotzdem ist die „Krise“ ein Politikum, dessen Tragweite der Bevölkerung nur dosiert und mit beruhigenden Worten offenbart werden kann – eine Strategie, die jedoch nur so lange funktionieren kann, bis die Krise tatsächlich spürbar wird. Dazu Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel am 14. Dezember 2008 bei einem Konjunkturgipfel über die Krise: „Deutschland ist ein starkes Land. Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir Deutsche diese Herausforderung meistern werden.“[7] Diese Euphemisierung ist so weit fortgeschritten, dass sich die Bevölkerung kaum noch irreführen lässt – tatsächlich ist die negative Konnotation bei Wörtern wie „Reform“ und „Herausforderung“ schon derart verankert, dass eine Häufung dieser Ausdrücke in den Medien eher für Beunruhigung sorgt. Einzig der zeitliche Abstand zwischen dem Ausbruch der Krise und der tatsächlichen „Wahrnehmung“ durch einen Großteil der Menschen über Bekannte, Freunde und die eigene Familie ist hier auffällig – ja ist beinahe mit der „Ruhe vor dem Sturm“ zu vergleichen, in der alle „einige Tage lang in der zuversichtlichsten Stimmung [waren], aber es waren nicht mehr viele Tage, denn die Leute ließen sich jetzt nicht mehr so leicht täuschen.“[8]
Nun gilt es, sich der Katastrophe anzupassen, in und mit ihr zu leben und zu sterben. Hier offenbart sich eine Vielzahl von strukturell ähnlichen Verhaltensweisen, die sich sowohl in Pestzeiten als auch bei späteren Krisen auffinden lassen.
Als geradezu logisch erweist sich die Bemühung, einen historischen Bezug herzustellen, das Ereignis in einen Erfahrungshorizont einzupassen – hier ist es die Abscheu vor dem Unbekannten, dem Unregelmäßigen, die derartige Reaktionen erforderlich macht. Selbst Katastrophen haben vorgegebenen Regeln zu folgen, eine Abweichung, eine Singularität darf ihnen keinesfalls gestattet werden, sind jene doch ein Angriff auf Ordnung und Stabilität des menschlichen Denkens und Handelns. Das Verstehen der Pest berief sich auf historische Quellen wie den Bericht des Thukydides über die athenische Pest 429 v. Chr., auf andere antike Texte und natürlich auf die Bibel, die ebenfalls ein Erklärungsmodell lieferte, denn es ist Gott, der um der Sünden willen verkündet „so sende ich die Pest in eure Mitte und ihr geratet in Feindeshand.“[9] Diese Einordnung in einen historischen Kontext funktioniert damals wie heute – so ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung wohl kaum das einzige Medium, das mit dem Titel „1929 und heute – Die Krankheit des Geldes“[10] den Zusammenhang zwischen der jetzigen Finanzkrise und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise von 1929 herstellt. Das Vorhandensein derartiger Analogien darf nicht verwundern, helfen diese doch auch die Ursachen und vermeintlichen Verantwortlichen zu finden.
Schuld und Sühne
Zumindest zu Beginn der „Krise“ ist der Auslöser immer ein externer – selten sind eigene Vernachlässigungen, eigene Fehler Gründe für die kommende Katastrophe. Der Rückgriff auf altbewährte Sündenböcke ist hier nahe liegend. So wurden in Pestzeiten bei der Suche nach Schuldigen vor allem die Außenseiter der Gesellschaft zu Opfern: Fremde, Landstreicher, Bettler, Hexen, Andersgläubige wie Juden und Bürger anderer Länder und Regionen. Schon Defoe spricht im oben stehenden Zitat von der Pest, die aus anderen Ländern – im Text sind es zwei Franzosen – nach London gebracht wird, woraus sich ein beinahe zyklischer Schuldkreislauf offenbart, in dem der schwarze Peter durch Europa zieht, während Leichen seinen Weg pflastern: „In Lothringen bezeichnet man 1627 die Pest als „ungarisch“, 1636 als „schwedisch“; in Toulouse spricht man 1630 von der „Mailänder Pest““[11]. Gut, dass derartiges heute nicht mehr passieren kann, oder wie die deutsche Welt am 16. November 2008 in einer Überschrift meint „Wie die Krise aus den USA zu uns kam“[12] – ein schönes Detail auch die Umfrage auf orf.at, die am 22. Dezember 2008 mit dem Titel „Österreicher geben USA Schuld an Krise“[13] eine ähnliche Schiene fährt.
Dennoch ist festzuhalten, dass es mit Fortdauern der Krise zu einer Verschiebung der Schuldfrage kommt. Für die Pest wurde von den gelehrten Köpfen und dem Volk eine große Zahl von Ursachen genannt: die verseuchte Luft, von Hexern und Juden vergiftete Brunnen und verhängnisvolle Gestirnkonstellationen – dies führte nach dem Ausbruch der Krankheit zur Anklage der traditionellen Sündenböcke, zum Glauben an Verschwörungen und Komplotte innerhalb der Gemeinschaft selbst und schlussendlich stets zur eigenen Schuld. So wird die eigene Schuldigkeit zu einer benennbaren Größe – doch selbst dann sind es immer lässlichere Sünden als die der eigentlichen Verursacher: Hier werden wir Zeugen von zu großer Vertrauensseligkeit, zu großer Lebensliebe (verständliche, ja menschliche Sünden), während auf der anderen Seite Gier und Heuchelei wuchern. Es sind die „gierigen Banker“[14] und die „skrupellosen Manager“[15], während der einfache Anleger sich hat blenden lassen, somit genauso wie der Bankdirektor eine „Mitschuld“[16] trägt und die Süddeutsche Zeitung fragen lässt: „Ist die Finanzkrise die Strafe für die Arroganz der Banker?“[17] Dieser Komplex von Sünde und Schuld ist dem Umgang mit der Krise immanent – auch in Pestzeiten suchte die Bevölkerung die Schuld auch unter ihresgleichen bzw. wurde ihr nahe gelegt, selbiges zu tun. Dementsprechend deduziert Abraham a Santa Clara, dass „wann die Tugenden den Krebsgang nehmen, wann man in allen finstern Winckel und Withshäuser leichtfertige und unverschamte Kroten antrifft, daß GOtt gemeiniglich hierauff eine Pest schicket“[18]. Die Krise wird als Strafe verstanden, als im Grunde genommen logische und konsequente Antwort auf das Fehlverhalten, sie ist eben wegen „unsers schlechten Wandels von dem gerechten Zorne Gottes zu unserer Besserung geschickt“[19].
Von der geystlichen Arznei
Freilich ist es nicht genug über den Ursprung der Krise Bescheid zu wissen, vielmehr gilt es, sich bewusst zu machen, wie der Strafe entgangen werden kann. Diese Antwort auf die Katastrophe muss immer aus demselben Bezugssystem wie diese selbst stammen – also aus einem religiösen oder ökonomischen Erklärungsrahmen. Exakt bei den Begriffen von Strafe und Sühne gilt es jedoch einzuhaken und die Reaktionen unter dem Gesichtspunkt der Vorkehrungen und der Anordnungen zu betrachten. Unter dem Druck der Krise sind es vor allem Maßnahmen der Normierung, der Isolation und der sozialen Disziplinierung, die die Gesellschaft festigen und ungeordnete Bereiche unter Kontrolle bringen sollen – nur durch Ordnung ist der Krise zu begegnen.
Die Pest wurde hauptsächlich religiös-christlich interpretiert und erklärt – eine Heilung und Linderung konnte deshalb nur mittels der „zweifachen Arznei“[20] erfolgen: Neben der ärztlichen Behandlung, die sich als mäßig erfolgreich erwies und den Körper behandelte, war die „geystliche arztney“[21] das Mittel der Wahl. Die Pest ist die Strafe für Ausschweifungen, für gottloses Betragen und für Übermaß in allen Lebensbereichen – aus diesem Grund fordern sowohl kirchliche als auch staatliche Stellen eine geistig-moralische Bekehrung, wie aus der Wiener Infektionsordnung von 1656 zu ersehen ist. Diese ordnete den Menschen an, „daß sie sich aller Gottslästerung/ Unzucht/ ubermäßigem Essens/ Trinckens/ und anderer Untugendten und Laster gäntzlich enthalten/ ein Gottseeliges Leben führen/ auch sonsten ein jeder wann die Bett Glocken […] geleittet wird/ zu Hauß/ und auff denen Gässen/ umb abwendung derer Göttlicher über uns verhengenden Straffen fleissig betten“[22]. Diese Disziplinierung des Geistes – eine Betonung des richtigen Maßes, der Ruhe – wird durch weitere Maßnahmen wie die Isolierung der betroffenen Häuser und Prozesse gegen Gotteslästerer oder Hexer ergänzt.
Die zweifache Arznei ist auch heute noch das Mittel der Wahl. Neben den diversen wirtschaftlichen Maßnahmen wie den Konjunkturpaketen, Staatsgarantien und Kurzarbeit – es bleibt zu hoffen, dass diese erfolgreicher sind als ihre medizinischen Vorgänger zu Pestzeiten – wird ebenfalls eine Änderung im Geist gefordert. „Es gehört da auch ein entsprechendes Verhalten der Bescheidenheit hinzu“[23], meint zum Beispiel der deutsche Bundeswirtschaftsminister Glos, und auch Präsident Köhler konstatiert: „Es fehlte schlicht an Verantwortungsbewusstsein“[24]. Zu große Gier hat uns in eine Situation gebracht, die Buße und eine Rückkehr zum gemäßigten Leben erforderlich machen – die Krise ist die Gelegenheit, den Pfad Gottes wieder zu finden, sich von der Schuld zu befreien und zu sühnen – sie übernimmt die Rolle der Paränese, der Mahnung. Insofern kann die Krise auch als eine Chance betrachtet werden, eine Gelegenheit, die den Menschen geboten wird, das Ruder herumzureißen. So muss auch Karl-Theodor zu Guttenberg – der Nachfolger des glücklosen Glos – natürlich betonen, man müsse „schnell auf den Pfad der Tugend zurückkehren, […] denn [f]ette Jahre verleiten gelegentlich zur Trägheit.“[25]. Gut, dass es dank der mahnenden Stimmen jedem Menschen gelingen wird, „sein leben zu besseren und mit got sich zu vertragen“[26]. Die Pestchroniken beschreiben jedoch meist ein vollkommenes Zusammenbrechen des sozialen Gefüges, des öffentlichen Lebens und großer Teile der staatlichen Ordnung als Folge der Strafe Gottes
Gott und Geld
Warum ähneln sich nun die Äußerungen über die Pest und über die Wirtschaftskrise derart? Auch hier erweist sich die Frage nach der Schuld als bedeutsam – gleich ob die aktuelle oder eine frühere Krise wie die Pest gemeint ist. Trotz der vielen Ursachen, die die Menschen des Mittelalters für die Pest fanden, ist sie vor allem die Strafe Gottes für das Verhalten der Menschen – das außerordentliche Ereignis fügt sich nahtlos in einen religiösen Erklärungsrahmen. Nicht umsonst ist das Sprechen und Schreiben über die Pest größtenteils religiös geprägt bzw. entnimmt sein Vokabular aus dem Fundus der christlichen Religion. Auch die Äußerungen über die aktuelle Finanzkrise beziehen ihre Legitimation aus einem derartigen, vordefinierten, oberflächlich ökonomischen, Modell. Die Ähnlichkeit speist sich also aus einer Ähnlichkeit des religiösen und des ökonomischen Modells. Hier ist es die Gier – nicht zufällig auch eine der Todsünden –, die die Schuld begründet und die den Argumentationen zugrunde liegt. Der Zusammenhang ist allerdings ein zutiefst religiöser: Bereits Walter Benjamin weist in seinem Fragment Kapitalismus als Religion auf den Kultcharakter des Kapitalismus hin und meint folgerichtig, dass dieser „vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“[27] ist. Diese „Verschuldung“ erfolgt ohne Unterlass, ohne Innehalten und kann erst ein Ende finden, wenn das gesamte Sein vom Spiel von Zins, Kredit und Schuld umfasst ist. Im zentralen Begriff der Schuld umarmen sich Christentum und Kapitalismus – der ein Abkömmling des Christentums, ja sogar der reinere Kult ist, weil er „keine spezielle Dogmatik, keine Theologie“[28] kennt, sondern sich nur durch Akkumulation und Maximierung legitimiert. Es fehlt der Gott, der nur als deus absconditus, als verborgener Gott gesehen werden kann, dessen Erkennen, dessen Offenbaren erst im „Zenith seiner Verschuldung“[29] möglich wird.
Ebenso wie im Christentum muss jedoch auch hier der Begriff der Erlösung seine Entsprechung finden, wobei Benjamin meint, darin läge das „historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. Die Ausweitung der Verzweiflung zum religiösen Weltzustand aus dem die Heilung zu erwarten sei.“[30]. Erst hier– im Bannkreis von Vernichtung und Verzweiflung – wird Erlösung möglich. Eine Vorstellung, die sich nur zu leicht auf die Pest übertragen lässt: Wenn die Städte und Länder in Trümmern liegen und die Verzweiflung allumfassend ist, kommt es dennoch zu einem Nachlassen der Pest. Erst wenn der „liebe Augustin“ sein alles ist hin! singt und die Menschen den kompletten Ruin akzeptieren, hilft Gott, kann Gott wieder helfen: „Und dies geschah auch nicht, weil eine neue Medizin entdeckt worden wäre oder man hinter neue Heilmethoden gekommen wäre oder weil die Ärzte neue Erfahrungen in der Behandlung gewonnen hätten; sondern es kam offensichtlich von der unsichtbarsten, verborgenen Hand dessen, der diese Seuche als ein Strafgericht überhaupt zu uns geschickt hatte.“[31].
Ob ein derartiges Überkommen der Krise auch im Ökonomischen möglich ist, bleibt noch offen – dies darf jedoch angenommen werden, nicht so sehr aufgrund der tatsächlichen Wirtschaftslage, sondern aufgrund der analogen Struktur der religiösen und der ökonomischen Krise, die nicht zuletzt auf der eigenartigen Verschränkung von Kapitalismus und Christentum beruht. Aber vorher muss wohl, ganz nach dem lieben Augustin, alles hin sein …
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