Wie Social Networks unser Leben verändern
Sarah hat noch immer Kopfweh. Harald schreibt an seiner Diplomarbeit und trinkt keinen Alkohol mehr, bis er damit fertig ist – Sabine gefällt dies. Und Katherina ist wieder Single. All das weiß ich nicht aus persönlichen Gesprächen oder Klatsch. Nein, Sarah, Harald und die anderen sind meine „Freunde“ – gemeinsam mit mehr als 175 Millionen sind wir Mitglieder von „Facebook“. Ebenso wie „StudiVZ“ und „MySpace“ handelt es sich dabei um ein Social Network; das sind interaktive Plattformen im WWW.
In den letzten Monaten waren Social Networks das Thema der Feuilletons – kaum ein maßgebliches Medium (sei es gedruckt oder elektronisch), das es nicht ausführlich behandelte. Unter dem Titel „Nackt unter Freunden“ veröffentlichte „Der Spiegel“ (10/2009) eine Coverstory, die sich streckenweise liest wie ein Warnhinweis: „Risiken und Nebenwirkungen sind beträchtlich – auch für den Wert der menschlichen Bindung.“ Auch die meisten anderen Blätter stehen dem Hype ziemlich kritisch gegenüber. Aber was sind Social Networks eigentlich und worin besteht ihre Faszination?
Social Networks sind nichts gänzlich Neues: Schon vor Etablierung des WWW gab es im Internet Zusammenschlüsse von Menschen, die miteinander Daten austauschten, Beiträge für Newsgroups schrieben oder per Chat kommunizierten. War das in den 80ern vielfach noch ein Metier von Computerfreaks, entwickelten sich die „Virtuellen Gemeinschaften“ (Howard Rheingold) mit der Verbreitung des WWW zum Massenphänomen. Und darin liegt der Clou des Ganzen: Es handelt sich um ein interaktives Medium, das die Kommunikation „vieler mit vielen“ ermöglicht. Dafür gibt es in der Mediengeschichte zwar vereinzelt Vorläufer (Schwarzes Brett, CB-Funk), allerdings funktioniert all das auf der Basis des „Medienverbundes“ Internet multimedial, ist eben auch massenhaft rezipierbar und bleibt dauerhaft gespeichert.
Das digitale Ichbinich
Der Ausgangspunkt jedes Social Networks ist die persönliche Profilseite: Das ist ein Steckbrief, der verschiedene Angaben zur Person enthält. Neben Namen und Geburtsdatum können unter anderem Hobbys, die politische Einstellung und religiöse Ansichten kundgetan werden. Fast ebenso wichtig wie diese Angaben ist die Pinnwand – auf ihr scheinen alle Botschaften auf, die von anderen Usern hinterlassen werden. In die Profilseiten integriert ist auch die „Freundesliste“, das sind jene User, die ein Freundschaftsangebot gesendet bzw. bestätigt haben. Selbstverständlich ist diese virtuelle Freundschaft nur als Metapher zu verstehen. Im Wesentlichen geht es um die gegenseitige Sichtbarkeit – „Freunde“ legen wechselseitig ihre Profile offen und können einander auf der Pinnwand Nachrichten hinterlassen.
Diese Wechselwirkung zwischen Selbstdarstellung und Interaktion befördert einen Prozess ständiger Selbst- und Fremdevaluation. Kulturkritiker/innen beklagen die Social Networks als virtuelle Marktplätze, wo soziale Beziehungen als Kapital akkumuliert werden. Und wirklich besteht der unausgesprochene Imperativ „Inszeniere und vernetze Dich!“, einige Enthusiasten stellen intimste Bekenntnisse ins Netz und digitale Exhibitionisten treffen auf Daten-Voyeure. Eine sehr beliebte Applikation auf „Facebook“ ist die Statuszeile, die mit der Frage „Was machst du gerade?“ zur Selbstoffenbarung auffordert. Diese Botschaft wird dann auf der Startseite aller Freunde veröffentlicht – sie erfahren so, wer eben gerade Kopfweh hat, heute noch zum Zahnarzt muss oder einfach gut drauf ist. Fotos, Videos und Statusmeldungen der Freunde können ebenfalls kommentiert werden. Auch Menschen, die sich selbst eine hohe Medienkompetenz unterstellen, scheinen sich oft nicht bewusst zu sein, dass jede Nachricht, jedes Bild, das sie veröffentlichen, für immer ein Teil ihrer digitalen Identität bleibt.
Soziales Kapital und Kommunikationsrevolution
Profis des Selbstmarketings sind bei mehreren Netzwerken zugleich Mitglied: Auf „Facebook“ trifft sich der erweiterte Bekanntenkreis, „Xing“ gilt als Karrierenetzwerk und „My Space“ ist die Plattform für Nachtschwärmer und Musikfreaks. Soziale Kontakte werden auf Freundeslisten abgebildet und rasch entwickelt sich eine regelrechte Beziehungsökonomie: So ist es auf „Facebook“ möglich, die 25 Top Friends zu ranken – eine Funktion, die wohl schon einige Freundschaften zerbrechen ließ. Ein Forscherteam in den USA fand heraus, dass die Fotos der Freunde auf „Facebook“, anderen Usern Rückschlüsse auf die Attraktivität des Profileigners ermöglichen – wer also hässliche Freunde akzeptiert, wird selbst unattraktiver wahrgenommen. Auch Kommentare auf der Pinnwand prägen das Selbstbild – allerdings abhängig vom Geschlecht des Users: Kommentieren Freunde etwa exzessiven Alkoholkonsum und Promiskuität, verbessert dies das Image des Profileigners, vorausgesetzt er ist männlich – bei weiblichen Usern verschlechtert sich der soziale Stellenwert [1].
1932 träumte Bert Brecht von einem Kommunikationsmedium, das die Gesellschaft revolutionieren sollte: „Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, d.h., er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.“[2]
Wäre Brecht heute ein Fan von „Facebook“ und Konsorten – oder seriöser gefragt: Bieten diese eine Plattform für revolutionäre Umbrüche? Die Antwort darauf ist nicht ganz eindeutig. Zwar spielen politische Partizipation und die gute, alte Agitprop dort nur eine untergeordnete Rolle, andererseits organisierte Barack Obama seinen Präsidentschaftswahlkampf hauptsächlich übers Internet: „Facebook“ spielte dabei eine entscheidende Rolle. Auch im Kampf gegen die neuen Allgemeinen Geschäftsbedingungen vernetzten sich flugs über 140.000 Mitglieder – der Betreiber musste sie schließlich zurückziehen. Im zwischenmenschlichen Bereich gibt es ebenfalls ganz unterschiedliche Facetten. Manche Jugendliche leiden unter Cybermobbing, andere finden durch die virtuellen Gemeinschaften neue Freundschaften oder gar die Liebe ihres Lebens. Social Networks sind eben vielfältig: Chance und Risiko, Bühne für Selbstdarsteller und Plattform für Kommunikative. Wie alle Medien sind sie per se weder gut noch schlecht – sondern das, was jene, die sie nutzen (sei es als Sender oder als Empfänger), mit ihnen machen.
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