Chronik eines „viel zu groß angelegten“ und in seinen „Ansprüchen zu ambitionierten“ Versuchs[1]
„Mehrmals am Tag lief sie hinunter, um nach der Post zu sehen, und suchte sich in ihrer hoffnungsvollen Hast vergeblich gegen die Enttäuschung zu wappnen, sagte sich, heute bestimmt nicht, warum auch heute, und dachte zugleich, es muß heute sein, wie soll ich einen weiteren Tag ertragen? Doch selbst vorweggenommene Enttäuschung enthielt noch zu viel Hoffnung, sie ließ sich nicht beirren in ihrer Suche nach dem Kuvert, das sie sofort erkennen würde, vielleicht lag es zwischen Prospekten, oder hatte der Briefträger ausgerechnet den blauen Luftpostbrief vergessen und kam gleich noch einmal wieder?“[2]
Es war nicht der Brief eines sich entziehenden Geliebten, wie in Anna Mitgutschs Schilderung der sehnsüchtigen Eile einer an der unerfüllten Liebe verzweifelnden Frau; es war ein Schreiben einer großen österreichischen Institution für Wissenschaftsförderung, auf das sich mein Warten und Hoffen bezog. Ich entsann mich dieser Stelle im Roman, als ich mich dabei ertappte, wie ich beim Öffnen des Postkastens in beinah neurotischer Manier jeden morgen aufs Neue einen, oben zitiertem sehr ähnlichen, inneren Monolog abhielt. Gemeinsam mit drei Kollegen hatte ich mich im Oktober für ein sehr hoch dotiertes Doktoratsstipendium beworben, bei dem 3-5 Dissertanten an einem „problemorientierten“ Projekt interdisziplinär zusammenarbeiten können, und zwar 3 Jahre vollfinanziert. Der hohen Fördersumme entsprechend war die Bewältigung der Bewerbungsmodalitäten ein aufwendiges Unterfangen und, mit nur einem Monat Zeitbudget, auch schwer zu verwirklichendes, wie sich bald herausstellen sollte. Die Absage kam kurz vor Weihnachten – und mit der Ablehnung die Enttäuschung.
Ich hatte sehr hart für das Zustandekommen dieses Antrags gearbeitet, viele Stunden schreibend vor dem Computer verbracht, zahlreiche lästige Formalitäten erledigt, an vielen Treffen und Diskussionen teilgenommen und gemeinsam mit meinen Kollegen versucht, ein integratives Konzept für vier sehr unterschiedliche Dissertationsthemen zu finden. Letztlich waren wir stolz auf den Spagat, den wir geschafft hatten, auf die alles vereinende theoretische Klammer, die wir in mühsam aus einem dunklen und verworrenen Nichts zu Tage fördern mussten. Es war ein intellektuell intensiver, höchst produktiver aber auch ein an meiner psycho-physischen Substanz zehrender Monat.
Der Absage beigelegt war eine zweiseitige Stellungnahme einer anonymen Jury, welche - gelinde gesagt - vernichtend ausfiel. Kein einziges positives Wort war darin zu finden. Mit dieser Kritik, die mehr den Charakter einer Verurteilung hat, war auch sofort klar, dass von Vornherein nie eine realistische Chance für unser Projekt bestand, weil wir die dort implizit verlangten elitären formell-institutionellen Voraussetzungen nicht erfüllen konnten. Die gewichtigsten Mängel, die man uns zur Last legte, betrafen das Fehlen eines „breit gefächerten internationalen Betreuungskonzepts“ und mangelnde „Interdisziplinarität“[3]. Eine ausführliche Replik auf diese und andere vorgebrachte Punkte würde hier zu weit führen, einige Dinge seien dennoch angemerkt.
Zur Frage des interdisziplinären Ansatzes muss gesagt werden: Wir haben, wie verlangt, ein wohl reflektiertes Konzept von Transdisziplinarität exponiert und klar unsere disziplinüberschreitende Hypothesenbildung dargestellt. Dem wurde in der Kritik keinerlei Beachtung geschenkt. Man quittierte das Ganze mit dem Hinweis, es sei eben alles irgendwie, irgendwo, mehr oder weniger, Philosophie und nichts anderes. Mit dieser Kategorisierung bin ich alles andere als einverstanden, zumal heute alles, was nirgends so recht hineinpasst, der Philosophie zugeordnet wird. Diese ist damit in ihrer heutigen akademischen Gestalt eindeutig überfordert. Wir können heute Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft, Kulturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Germanistik oder Literaturwissenschaft studieren – völlig autonome Disziplinen wird gesagt; und dennoch heißt es für alle „Doktoratsstudium der Philosophie“. Ist das nur ehrwürdige akademische Sprache, oder steckt mehr dahinter? Eigentlich ist die Antwort auf diese Frage ein alter Hut, für mich zumindest. Zudem hege ich schon länger den Verdacht, dass bei der Verwendung des Begriffs „Interdisziplinarität“ im Kontext von wissenschaftlichen Projektanträgen (und nicht nur dort!) ein Etikettenschwindel zur Regel geworden ist. Man sollte m.E. ehrlicher sein und das voranstehende „Inter“ wegstreichen oder vielleicht von „additiver Disziplinarität“ sprechen, der beliebigen Aneinanderreihung von strikt einzelwissenschaftlichen Zugängen – damit käme man jedenfalls der formalen Realität des Wissenschaftsbetriebs näher. Wenigstens wurde eine Vermutung bestätigt: Echte disziplinübergreifende oder gar disziplinunterlaufende, subversive Ambitionen sind ein Tabu und gelten nach wie vor als unwissenschaftlich, denn Wissenschaft definiert sich gerade über ihre Disziplinentrennung, über Grenzen und damit über das, was jenseits solcher willkürlichen Grenzen zum erliegen kommt und notwendig unerkannt bleibt.
Die Frage der Internationalität, d.h. die Frage der globalen Vernetzung innerhalb der „Scientific Community“, ist für einen „einfachen“ und „freischaffenden“ Doktoratsstudenten, der aus völlig eigenständiger Initiative und fast ohne aktive Unterstützung durch bestehende institutionelle Strukturen mit entsprechendem Renomée, solch einen Antrag stellt, eine klare Überforderung. Und doch: wir konnten einen sehr namhaften deutschen Kulturwissenschaftler für unser Projekt gewinnen. Wir hatten eine Forschungsplattform im Rücken. All das war bei weitem nicht ausreichend, wie das Schreiben der Jury zeigte. In einer Zeit wo die mediale Berichterstattung über und der Jargon innerhalb der Forschung von „bis zur Beliebigkeit entgrenzten“[4], ergo inhaltsleeren, Vokabeln dominiert wird („Eliteuniversität“, „Spitzenforschung“, „international wettbewerbsfähig“, „Ranking“, „Evaluation“ usf.), kann es sich kaum nur um eine links-ideologische Verblendung handeln, wenn festgestellt wird, dass die Wissenschaft als Ganze in nie dagewesenen Ausmaßen einem kompromisslosen Ökonomisierungsprozess unterworfen ist. Derartige Stipendien sind dezidiert keine sozialen Ausgleichsmaßnahmen, sondern wollen explizit jene, die ohnehin gut dastehen, noch besser dastehen lassen, im besten Falle am besten! Auch das ist kein sozialistisches Gejammer, sondern zunächst eine Tatsache, deren Bennennung gerade noch erlaubt sein dürfte: Ökonomische Logik induziert die Produktion von Gewinnern und Verlieren. Wir haben versucht uns, um der Möglichkeit zur Teilnahme willen, gewissen ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln – letztere sind die wahrhaft gnadenlosen – zu unterwerfen und eine Niederlage eingefahren, deren ressentimentstimulierende Wirkung wesentlicher Motor zur Niederschrift des vorliegenden Textes war. Immerhin etwas.
Ich bin etwas abgeschweift. Es ist nicht meine hauptsächliche Absicht den beleidigten Kritiker zu geben oder gar als (in diesem Versuch) Erfolgloser mit der Wissenschaft und ihren Sachzwängen insgesamt zu brechen. Vielmehr ginge es mir um daraus zu ziehende Erkenntnis: Um freiere Formen der Wissenschaft praktizieren zu können, muss der lange Weg der Unterwerfung (Disziplinierung) wohl in Kauf genommen werden. Man kann sich nur mit und in der Wissenschaft gegen sie stellen und dieses nichtidentische Moment muss ausgetragen werden. Das beansprucht die eigene Frustrationstoleranz. Es scheint generell so zu sein, dass Wissenschaft zu betreiben viel mehr mit dem Erleiden von Niederlagen zu tun hat, als mir vielleicht lieb war. Betrachtet man allein den immensen Raum, den wie auch immer geartete Projektanträge und andere ökonomische Optimierungsoperationen heute im Alltag von Wissenschaftlern einnehmen, wäre das eine naheliegende Annahme. Wenn aber die Niederlage zur Grunderfahrung der wissenschaftlichen Lebensform gehört, so bedürfen wir vielleicht der neuerlichen Aktivierung einer dialektischen Theorie von Hoffnung und Enttäuschung.
Mitgutsch entlarvt einen psychischen Schutzmechanismus, der bei sehr vielen Menschen, so auch bei mir, immer dann zu greifen beginnt, wenn man sich als souveränes und starkes Subjekt, als das man sich zumeist konzipiert hat, in die Ohnmacht der Warteposition gedrängt sieht, quasi dem undurchsichtigen Wirken des Schicksals ausgeliefert – in diesem Fall: der Black Box „Begutachtungsverfahren“. Man versucht eine unangenehme Offenheit, eine Lücke, eine Leck, dem man sich aussetzen musste, wieder zu stopfen; man versucht, wie Mitgutsch sagt, die Enttäuschung selbst vorwegzunehmen, weil man nicht duldet, dass sie ihrem Wesen gemäß immer durch ein Anderes bedingt ist oder einbehalten bleibt. Wichtige Zäsuren (Einschnitte!) im Leben werden mit dieser Strategie überdeckt und in ihrem Erkenntnispotential gehemmt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb schlägt eine manifeste Enttäuschung mit voller Härte zu. Man gibt von der Hoffnung getrieben die Hoffnung preis. Man übt Verrat an ihr und bleibt ihr dennoch so innig verbunden. Es ist ein Prozess des steten Oszillierens zwischen der Konstruktion von Alltagsutopien (dem Erhofften) und selbst gewählten Hoffnungslosigkeiten (vorweggenommen Enttäuschungen), in dem das eine stets das andere aufhebt, keines von beiden aber bis in seine befremdlichen Abgründe hinein erfahren werden kann. Hoffnung aber wird aus dem Trauma geboren, Hoffnung ist die Aura, die sich um eine Wunde bildet und ihre Heilung antizipiert, Hoffnung ist Phantomschmerz.
Fazit: Willst du Wissenschaft betreiben, musst du LEIDEN, LEIDEN, LEIDEN.
Anmerkungen
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“Hoffnung” als vorweggenommene Selbst-Enttäuschung. Das ist nicht nur auf den Punkt gebracht, sondern wohl sehr wahr…
Schön dass sich zu Hoffnung und Leiden auch noch immer unerträglich lange Wartezeiten gesellen - bis man dann erhört wird, um dann schließlich doch wieder abgelehnt zu werden…