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ARBEITS-Zeit, FREI-Zeit, ECHT-Zeit

arbeitszeitARBEITS-Zeit [1]

“Bremen 1603. Alle Versuche, mit Armut und Bettelei und vor allem dem ständigen Zustrom verzweifelter, hungriger und zu allem bereiter Menschen fertig zu werden, sind fehlgeschlagen. Die Ratsherren greifen den Vorschlag eines Bürgers auf, sich einmal in Amsterdam das acht Jahre zuvor gegründete Raspelhuis anzusehen. So geschieht es, und schon 1604 hat Bremen als erste deutsche Stadt ein Armen- und Arbeitshaus. Dem Beispiel folgen Lübeck (1605), Hamburg (1614) und Danzig (1629)…” [2], somit alles Städte, in welchen sich der kapitalistische Produktionsprozess, also die Herstellung von Waren unter der Verwendung sogenannter freier Lohnarbeit für einen sich zunehmend erweiternden Markt, in zunehmendem Maße durchsetzt. Zentral für eine derartige Produktionsweise ist die freie Arbeitskraft als Ware: also freie Lohnarbeiter, die es aber erst zu schaffen gilt. “Was liegt also näher, als sich Arbeitskräfte zu beschaffen, die sozusagen auf der Straße liegen. … und so geht es um die Beschaffung und Erziehung solcher Arbeiter, die sich nach längerem Aufenthalt im Arbeitshaus so gebessert hatten, dass sie sich später freiwillig als Arbeitskräfte anbieten. Das Arbeitshaus schien die Lösung für viele Probleme zu sein. Die Methode ist denkbar einfach: Kombination von Armenversorgung, Ausnutzung und Resozialisierung brachliegender Arbeitskräfte, Strafe und Abschreckung aller öffentlichen Ruhestörer…” [3]

Damit einher geht die Etablierung der messbaren Arbeits-Zeit. “So formiert sich eine Politik der Zwänge, die am Körper arbeitet, seine Elemente, seine Gesten, seine Verhaltensweisen kalkuliert und manipuliert. Eine politische Anatomie, die auch eine Mechanik der Macht (und der Zeit A.d.V.) ist, ist im Entstehen. Sie definiert, wie man die Körper (und die Zeit A.d.V.) der anderen in seine Gewalt bringen kann, nicht nur, um sie machen zu lassen, was man verlangt, sondern um sie so arbeiten zu lassen, wie man will: mit den Techniken, mit der Schnelligkeit, mit der Wirksamkeit, die man bestimmt.” [4], und wie sie die beginnende kapitalistische Produktionsweise erfordert. “Die Disziplin … setzt auf das Prinzip einer theoretisch endlos wachsenden Zeitnutzung.” [5] Damit gehen die freigesetzte Arbeitskraft und Arbeitszeit als Elemente x,y, in einen übergeordneten, vielgliedrigen Mechanismus ein, welcher die Mega- oder Gesellschaftsmaschine bildet. “Doch das Arbeitshaus ist keine Lösung auf Dauer, Manufakturen und Fabriken werden zur Konkurrenz: das alte Prinzip der Zwangsarbeit bringt für die Unternehmer viel weniger Gewinn als die freie Lohnarbeit… freiwillige Arbeiter drängen sich vor den Fabrikstoren…” [6] und eröffnen vollends den Horizont der neuen Zeit. Integraler Bestandteil dieses Prozesses ist die Zeitplanung und Zeitkontrolle, und “Die Verfahren der zeitlichen Reglementierung werden von den Disziplinen übernommen. Zunächst werden sie verfeinert. Man beginnt in Viertelstunden, Minuten, Sekunden zu rechnen…” [7] und spricht in logischer Konsequenz gegenwärtig von Lebensarbeitszeit und Lebensverdienstsumme und dem Krieg in Echtzeit. Die Forderung der Revolution von 1848 von acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Schlaf gilt bis dato als Idealbild des Lebens und der entsprechend humanen Zeiteinteilung. Und ebenso wie die Disziplin die Menschen zu gelehrigen, leistungsfähigeren Körpern - Maschinen - Apparaten erzieht und alle gesellschaftlichen wie individuellen Bereiche durchdringt, wird der Prozess der Zeitkontrolle und mithin die Reglementierung der Zeit alltäglich und umfassend, und bestimmendes Moment der modernen historischen Entwicklungen wie unserer Gegenwart. So ist die Neuzeit und Moderne auch davon geprägt, “… die Lebenszeit der Individuen als Arbeitszeit zu konstituieren, … und Lebenszeit in Arbeitskraft zu verwandeln.” [8] Aber: “Es ist falsch … zu sagen, dass die konkrete Existenz des Menschen die Arbeit ist. Denn das Leben und die Zeit des Menschen sind nicht von Natur aus Arbeit: sie sind: Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bedürfnisse, Zufälle, Begierden… Das Kapital muss (aber A.d.V) das Leben in Arbeitskraft synthetisieren, was Zwang impliziert: den des Systems der Beschlagnahme.” [9], und Enteignung am Leben.

“Die Arbeit (auch in der Form der Freizeit) ergreift die ganze Lebenszeit als fundamentale Repression, als Kontrolle, als permanente Beschäftigung an festgelegten Orten und zu festgelegten Zeiten, nach einem allgegenwärtigen Code. Die Menschen müssen überall fixiert werden, in der Schule, in der Fabrik, am Strand, vor dem Fernseher oder in der beruflichen Weiterbildung - eine permanente und generelle Mobilisierung.” [10] “… Vervielfältigung der Jobs, gleitende Arbeitszeit, größere Beweglichkeit, permanente Umschulung und Weiterbildung…” [11], Telearbeit, Arbeitsmarkt-offensive, die Angst um den Arbeitsplatz, Arbeitswieder-einstiegsmaßnahmen für Frauen, Männer über 50, Arbeitsmarkservice, Schwarzarbeit, Langzeitarbeitslose, Bewerbungscoaching, Lehrlings-offensive, Facharbeitermangel, Reproduktions-arbeit, Sozialarbeit etc. etc. Zugleich hat sich die ArbeitsBegrifflichkeit ausgedehnt: insofern ist es dann durchaus stimmig, von Beziehungsarbeit, Reproduktionsarbeit, Familienarbeit, Liebesarbeit, Trauerarbeit, der seelischen Abarbeitung oder der Konsumarbeit zu sprechen.

FREI-Zeit

Damit wird auch die Trennung von Arbeit und Freizeit hinfällig, insofern sich mit dem Genießen der Freizeit oder des Ruhestandes nur komplexere Formen der Arbeit - in Form der Konsum- oder Genussarbeit etablieren. Bezeichnend ebenso die Tatsache, dass Shopping für eine Vielzahl von Menschen das Freizeitvergnügen schlechthin darstellt, und sich im Shopping das Modell der Konsumarbeit als komplexere Form der Arbeit verdeutlicht; egal ob beim Shopping, der reinen Konsumarbeit, im Urlaub, der versuchten Erlebnis- und Reisearbeit oder beim Sport, der Arbeit an der körperlichen Fitness… Zugleich steigern diese komplexeren Formen der Arbeit dann wiederum die Arbeitsbereitschaft und Arbeitsleistungsfähigkeit, insofern mensch über die Konsumarbeit erfährt, warum man arbeitet und was man sich dafür oder eben auch nicht leisten kann, ebenso wie die versuchte Erlebnis- und Reisearbeit das Bewusstsein nährt, dass es zuhause doch am schönsten ist…

Egal ob Sozialhilfeempfänger oder Spitzenmanager “… das Spiel ist aus, die Aufnahmestruktur ist total geworden.” [12], und die Arbeitsform und Arbeitsanweisung wird zum durchgängigen Design des Lebens, und markiert den Übergang “…zur realen Beherrschung des Lebens, d. h. zur totalen Erfassung und Inbeschlagnahme der Personen.” [13] und deren Lebenszeit. Die Arbeit ist zur Lebensweise und Lebenszeit selbst geworden. Zugleich ist die gegenwärtige Situation auch gekennzeichnet durch das “… Umkippen aller Arbeiten in den Dienst - die Arbeit als schlichte Anwesenheit auf der Stelle… Arbeit bekunden, wie man seine Anwesenheit bekundet, wie man seine Untertänigkeit bekundet …” [14]. Alles ist in Dienst gestellt; das Unbewusste in den Dienst der Psychoanalyse, die Sexualität in den Dienst an der Lust, die Kreativität in den Dienst der Kunst, der Bankmanager in den Dienst der Spekulation, der Sozialhilfeempfänger in den Dienst des schlechten Gewissens oder der Umverteilung, die Natur in den Dienst der ökologischen Heimsuchung und der Naturkatastrophe. Lebenszeit wird zunehmend reine Dienstzeit. Schlafarbeit im Schlafbettensystem: Regenerationsarbeit, schlaft schneller Genossen; Ausschlafen ist neben Shopping auch ein beliebtes Freizeitvergnügen und regeneriert für den weiteren Arbeitseinsatz, der in dieser Perspektive immer schon ein Fronteinsatz war: an der Arbeitsfront, an der Front des Frühkapitalismus, an der Front der Industrialisierung, heute an der Front der so genannten Globalisierung und New Economy. Das ist die Arbeitswut: der Natur und mithin der Zeit immer mehr an Wert zu entreißen, Land in Wert, Wildnis in Ackerland, Leben in Arbeitszeit und Lebensverdienstsummen - zu verwandeln. “In der Bauwut mit ihren Bulldozern, Autobahnen und Infrastrukturmaßnahmen, in der zivilisatorischen Wut des produktiven Zeitalters macht sich das bemerkbar. Diese Wut kann keinen Fleck (und Augenblick A.d.V) unproduziert lassen… es wird produziert, um den gezeichneten Menschen zu reproduzieren.” [15]

Alles und alle sind Gegenstand dieser totalen Mobilmachung (Raum, Zeit, Mensch, Natur…), die Denken und Leben der kapitalistischen Wertschöpfung unterwirft und in deren Zuge das menschliche Leben als auch die damit verbundene Zeit-Dauer der zu steigernden Leistungsfähigkeit und Wertschöpfung unterworfen ist. Gerade im Hinblick auf die zunehmende Zeitkontrolle wird dies deutlich. Die Disziplinen arbeiten auch an der Umgestaltung und Transformation der Zeit, deren Ziel darin besteht, möglichst nutzbare Zeit zu produzieren. Kein Augenblick darf ungenützt verstreichen und unsere Welt verwandelt sich zunehmend in eine Gegenwart zunehmender Zeitverwaltung, in der die bloße Existenz schon Arbeit bedeutet. Lebenslange Konsum- und Verbrauchsarbeit, Arbeit am “Produkt Ich” und an einen effizienten Zeitmanagement. Weil: “Man gibt euch den Lohn (oder die Arbeitslosenunterstützung, die nur geringfügig unter dem untersten Lohnniveau liegt), nicht im Austausch für die Arbeit, sondern damit ihr ihn ausgebt, was eine andere Form der Arbeit ist.” [16] Und dabei geht es nicht in erster Hinsicht um eine ökonomische Enteignung, sondern um eine symbolische. Auch, weil es einen Strang der Macht berührt, arbeiten und arbeiten zu lassen, konsumieren und konsumieren zu lassen, über die Zeit anderer zu verfügen.

ECHT-Zeit

“Das ist der Punkt an dem wir stehen. Wir leben in Gesellschaften, deren soziales Gewebe zerrissen ist…” [17] und in denen Menschen die in Not sind, gezwungen sind so zu tun, “… als verdienten sie ihren Lebensunterhalt, indem sie eigens für sie gedruckte Zeitungen verkaufen…” [18] Immer noch besser als nur zu betteln. Leistung wird belohnt, der Mythos des Kapitals lebt. Andererseits würde vermutlich lediglich der Umsatz von Hundefutter in Europa und den USA ausreichen, um in Afrika ein Grundschulsystem zu finanzieren. Vermutlich ist das auch eine Frage der Gerechtigkeit. Vielleicht auch der Hunde wegen.

Anmerkungen

  • [1] Dieser Text wurde ursprünglich für die Innsbrucker Straßenzeitung 20er verfasst, aber dann mit dem Argument, dass er zu “wissenschaftlich” sei, nicht publiziert. In wie weit diese Entscheidung auch durch das Zitat von Goldelier am Ende des Textes mitbestimmt war, entzieht sich unserer Kenntnis. Erstpublikation: Arbeitszeit, Freizeit, Echtzeit in: Pravda, Sondernummer des Substandard 2/2001 , Innsbruck
  • [2] Kopecny, Fahrende und Vagabunden, S. 116
  • [3] ebda.
  • [4] Foucault, Überwachen und Strafen, S. 176f
  • [5] Foucault, Überwachen und Strafen, S. 198
  • [6] Kopecny, A. Fahrende und Vagabunden, S.128
  • [7] Foucault, Überwachen und Strafen S. 192
  • [8] vgl. Foucault, Mikrophysik der Macht, S. 117
  • [9] ebda. S. 117
  • [10] Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod, S. 28
  • [11] ebda.
  • [12] ebda. S. 28
  • [13] ebda. S. 34
  • [14] ebda. S. 33
  • [15] Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod, S. 26f
  • [16] ebda. S. 73
  • [17] Godelier, Das Rätsel der Gabe, S. 11 (18) ebda. S. 12

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