Am 10./11. April 2008 fanden zum vierten Mal die “Tage der Kultur- und Sozialanthropologie” (KSA) in Wien statt. Veranstalter waren das Institut für KSA der Universität Wien, die Österreichische Akademie der Wissenschaften und das Museum für Völkerkunde Wien. Den Eröffnungsvortrag hielt Mareile Flitsch zum Thema ”Unerledigte Vergangenheit – Verhinderte Zukunft? Über die Chancen einer Erforschung praktischen Alltagswissens für die moderne Ethnologie”. Durch eine Vielzahl an Workshops wurde eine große Bandbreite an Themenbereichen und Konzepten abgedeckt, wobei die einzelnen Vorträge von den KoordinatorInnen der jeweiligen Fachbereiche moderiert wurden und jeweils ca. 20 Minuten mit anschließender Diskussion dauerten.
Wie bereits im letzten Jahr wurde der rationalpark durch Thomas Gimesi im Workshop “Brüche und Kontinuitäten in Südostasien” vertreten, in dessen Rahmen er das Hauptaugenmerk auf eine besondere Schwierigkeit der vietnamesischen Staatsführung richtete:
Revolution in Erklärungsnot
Geschichte, kulturelles Erbe und Tourismus als Prüfstein vietnamesischer Staatsräson
Zur Mobilisierung der Bevölkerung im Unabhängigkeitskampf gegen Frankreich, Japan und die USA wurde seitens der Kommunistischen Partei Vietnams seit den 1930er Jahren stets auf Propaganda gesetzt, welche das stolze Erbe vietnamesischer Nationalhelden der präkolonialen Epochen mit dem marxistisch-leninistischen Geschichtsmodell zu vereinen suchte. Dass diese Aufgabe in politischer Hinsicht erfolgreich absolviert wurde, beweist nicht zuletzt die erlangte Unabhängigkeit und Wiedervereinigung Vietnams im Jahre 1975. Das grundlegende Dilemma von Revolutionen ist jedoch, dass gerade jene Theorie, welche bestens zur Machtergreifung geeignet ist, nicht unbedingt den Erfordernissen entspricht, um diese ohne Weiteres zu behalten - ein Umstand, der durch das Einleiten von Reformen (doi moi) in den letzten zwei Jahrzehnten unterstrichen wird. Wer jedoch glaubt, dass mit dem Beitritt zum IMF im Jahre 2007 und einem florierenden Tourismussektor die Widersprüche ausgeräumt und der Machterhalt gesichert ist, irrt. Die Notwendigkeit seitens der Partei bleibt weiterhin bestehen, die gegenwärtigen sozio-ökonomischen Entwicklungen sowie den Umgang mit Symbolen kultureller Identität (also auch den Inbegriffen feudaler/”kleinbürgerlicher”/nationalistischer Ideologien), welche sich zur Verwertung durch den Fremdenverkehr anbieten, als eine “Fortsetzung der Revolution” zu deuten. Dieses Kuriosum soll u.a. anhand der Stadt Hué, einem kulturellen Zentrum Vietnams, illustriert werden.
L I N K S
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