Der Potsdamer Zeithistoriker Bernd Stöver veröffentlichte 2007 eine neue Gesamtdarstellung über den Kalten Krieg. “Der Kalte Krieg 1947-1991. Geschichte eines radikalen Zeitalters” heißt das Werk, das laut Aussage des Autors den Anspruch in sich trägt nicht nur die Geschichte des europäischen Kontinents nach 1945 darzustellen, sondern auch bis dato vernachlässigte Bereiche der Geschichte des Kalten Krieges beschreiben soll. Warum er es für nötig befand der umfangreichen Literatur zu diesem Thema ein weiteres Buch hinzuzufügen, ob er angesichts der vermeintlich klaren Fronten beim Gedanken an den Kalten Krieg wehmütig wird und ob wir heute eine Rennaissance der Auseinandersetzung erleben, darüber sprach er im Interview mit dem Rationalpark.
Rationalpark: Herr Stöver, Bücher über den Kalten Krieg füllen inzwischen ganze Bibliotheken. Warum braucht die Welt noch eines?
Bernd Stöver: Sie braucht vor allem ein Buch, das zumindest versucht, eine Gesamtdarstellung zu sein. Das heißt, dass diese nicht nur den europäischen Kontinent, oder nur die beiden Supermächte behandelt, sondern vor allen Dingen auch die Dritte Welt und viele andere Beteiligte mit einbezieht, die man auf den ersten Blick nicht immer erkennt – etwa die Vielzahl an NGOs. Das alles zusammenzufassen ist vorher noch nicht geschehen. Das Buch war einfach der Versuch, eine Gesamtgeschichte zu schreiben, die diese Beteiligten nennt, und auch in ihrer Bedeutung klar nennt.
Rationalpark: Was veranlasst einen Zeithistoriker, sich mit einem so abgegrasten Thema wie dem Kalten Krieg zu beschäftigen?
Bernd Stöver: Das sagen Sie, dass das Thema abgegrast ist. Für uns, die wir uns seit längerem mit dem Kalten Krieg beschäftigen, ist das Thema überhaupt nicht gegessen. Wir kriegen fast täglich neue Quellenfunde mitgeteilt. Viele Dinge wissen wir auch selbst noch nicht. So sind viele ehemalige sowjetische Archive, die in den neunziger Jahren zum Teil offen waren, jetzt wieder geschlossen und unzugänglich. Was wir heute mit der Geschichte des Kalten Krieges anfangen können, erschließt sich meines Erachtens nach jeden Tag, wenn man die Zeitung aufschlägt. Alles was wir heute erleben und erfahren, hat seine Wurzeln im Kalten Krieg. Das geht bis zum Terrorismus. Wir reden fast jeden Tag von Al Kaida und ähnlichen Organisationen. – das sind Geschichten aus dem Kalten Krieg, die sich erst nach dessen Ende erschlossen haben und in ihrer Bedeutung klarer wurden. Jetzt wissen wir, seit den Veröffentlichungen über Al Kaida, dass die Amerikaner im Afghanistan-Krieg zuerst auch auf Osama bin Laden gesetzt haben. Das ist also eine Folgegeschichte des Kalten Krieges. Auch der Irakkrieg hat beispielsweise seine Wurzeln im Kalten Krieg.
Rationalpark: Ist dies auch ein Grund, warum das Thema Kalter Krieg heute so ungemein populär ist? Guido Knopp hat uns schon mit unzähligen Dokumentationen dazu beglückt, laufend erscheinen neue Sach- und Fachbücher und Spielfilme, die sich damit beschäftigen.
Bernd Stöver: Es hat natürlich viele Gründe, warum der Kalte Krieg so populär ist. Fast jeder ist im Grunde ein Zeitzeuge, zumindest von einem Teil des Kalten Krieges gewesen. Das ist der eine Grund – jeder kann mitsprechen, jeder weiß irgendwie wie es gewesen ist, hat einen Teil davon miterlebt. Das sehe ich tagtäglich hier in Berlin, auch etwa bei Buchvorstellungen. Jeder hat eine kleine Geschichte aus dem Kalten Krieg zu berichten. Das ist wahrscheinlich in Österreich nicht anders. Denken Sie etwa an die Filme wie den “Dritten Mann”. Da sind wir auch schon beim zweiten Punkt, warum der Kalte Krieg so populär ist. Es sind einfach unglaublich viele Filme dazu gedreht worden, angefangen eben beim “Dritten Mann” bis zur James Bond-Reihe, die die spannenden und außerdem geheimen Seiten des Kalten Kriegs beleuchten. Man weiß ja, dass viele Sachen im Kalten Krieg verdeckt gelaufen sind, bis hin zu Mordanschlägen. Ein weiterer Grund ist glaube ich, dass die Fronten damals noch einigermaßen übersichtlich waren. Im Vergleich zur Zeit nach 1991, waren die Fronten während des Kalten Krieges relativ eindeutig. Jetzt hat man lauter nebeneinander laufende Feindbilder. Es wurde alles sehr unübersichtlich, was in der Wahrnehmung vieler während des Kalten Krieges nicht so war. Da waren die bösen Russen, die bösen Chinesen oder die bösen Amerikaner. Dieses Bild stimmt natürlich nicht, aber viele hatten den Eindruck, dass es so ist.
Rationalpark: Eine alte Historikerregel besagt: “Der schärfste Feind des Historikers ist der Zeitzeuge”. Im Fall des Kalten Kriegs sind Sie beides. Wie geht man damit um?
Bernd Stöver: Ich würde mich immer auf den Standpunkt stellen, dass der Historiker, jetzt mal ganz pauschal gesprochen, sich davon freimachen muss, dass er Zeitzeuge ist. Sonst könnte er nie über irgendetwas urteilen, jenseits seiner eigenen Meinung. Einer der wichtigsten Punkte beim Schreiben dieses Buches war, alle Seiten des Kalten Krieges gerecht darzustellen. Das führt natürlich hin und wieder zu dem Vorwurf, dass man sich nicht entscheiden kann, wer gewonnen hat oder wer der Bessere war. Aber ich habe den Anspruch, dass der Historiker das können muss, über die Fronten seiner eigenen Herkunft und seiner Zeitzeugenschaft hinwegblicken muss um zu einer gerechten Darstellung zu kommen. Das ist, glaube ich, auch das Manko bei anderen Büchern über den Kalten Krieg, dass die alten Fronten dort noch immer weitergesponnen werden. Mein Buch hat den Anspruch, diese Meistererzählungen des Kalten Krieges zu überwinden – wer hat den Kalten Krieg gewonnen, wer war der Böse, wer der Gute. Ich glaube, das führt uns in keiner Weise weiter, wenn man sich Gedanken darüber machen will, was der Kalte Krieg war, und warum er so lange gedauert hat. Man muss sich klarmachen, dass dieser Kalte Krieg fast fünfzig Jahre gedauert hat ohne, dass er irgendwie zu einem Ende gekommen ist. Es hat ja trotz aller gegenteiligen Hoffnungen zwischen 1947 und 1991 kein wirkliches Ende gegeben, es hat zwar immer wieder Entspannungsphasen gegeben, aber wirklich aufgehört hat der Konflikt erst, als einer der beiden Beteiligten verschwunden ist, als 1991 die Sowjetunion untergegangen ist. Es kommt also eher darauf an, über die bisherige Geschichtsschreibung hinauszugehen und zu einer neuen globalen Gesamtdarstellung des Kalten Krieges zu kommen.
Rationalpark: Ich versuche es noch einmal. Sie schreiben in Ihrem Buch: “Es liegt auf der Hand, dass ein global geführter Konflikt, der fast alle Staaten der Welt einbezog, nicht aus der Perspektive eines Beteiligten geschrieben werden kann.” Als Deutscher ist war man unweigerlich wenn schon nicht Beteiligter, dann zumindest Betroffener des Kalten Krieges. Ist der Spagat zwischen dem nüchternen Historiker und dem betroffenen Geschichtenerzähler schwierig zu schaffen?
Bernd Stöver: Ich gebe zu, man muss seine eigenen Erfahrungen damit abgleichen. Man kommt ja, vor allem als Historiker, immer wieder zu der Erkenntnis, dass die eigene Wahrnehmung völlig falsch, völlig schief war, weil man immer nur einen Teil gesehen hat. Die täglichen Nachrichten in der Bundesrepublik waren ja auch immer nur ein Teil, ein Ausschnitt. Ich gehe aber davon aus, dass das ein Historiker können muss: Er muss über seine eigenen Erfahrungen hinausgehen, um zu einer gerechten Darstellung, vor allem im globalen Maßstab zu kommen. Man war ja sowieso nicht überall Zeitzeuge, insofern ist alles sowieso nur ein Teilaspekt gewesen. Ich war ja nicht Zeitzeuge in Afrika, sondern nur in Europa, insofern habe ich nur ein eingeschränktes Bild als Zeitzeuge. Die Möglichkeit ist es jetzt, wie erwähnt, über diese nationalen und einseitigen Meistererzählungen hinauszukommen und andere zu Wort kommen zu lassen, die während des Kalten Krieges überhaupt keine oder nur eine leise Stimme gehabt haben. So etwa Afrika oder Südostasien, die, denken sie an Indochina oder an Angola, die Schlachtfelder des Kalten Krieges waren.
Rationalpark: Sie nennen Ihr Buch im Untertitel “Geschichte eines radikalen Zeitalters”. warum “radikal”?
Bernd Stöver: Das geht darauf zurück, dass der Kalte Krieg nicht beendet werden konnte, bevor eine Seite verschwunden war. Es gab also keinen Mittelweg. Über fünfzig Jahre gab es keine Möglichkeit, den Kalten Krieg zu beenden. Jede Seite beharrte auf ihrer eigenen Wahrnehmung und Position – das ist Radikalismus. Entweder es gewinnt die Demokratie oder der Staatssozialismus. Dazwischen gab es offensichtlich keinen Weg, den Kalten Krieg zu beenden. Daher radikal. Ich glaube, wenn man sich das in einer gesamten Perspektive anschaut, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass der Kalte Krieg ein radikales Zeitalter gewesen ist.
Rationalpark: War die Zeit des Kalten Krieges Ihrer Ansicht nach ein langer Nicht-Frieden oder ein Nicht-Krieg?
Bernd Stöver: Er war mit Sicherheit, und darauf wollen Sie wahrscheinlich hinaus, kein langer Frieden. Darauf kann man sich am ehesten einigen. Er war ein Nicht-Frieden, und gleichzeitig in bestimmten Regionen ein kontinuierlicher Krieg. Die These von John Lewis Gaddis, dass der Kalte Krieg ein langer Frieden gewesen ist, beruht ja einzig und allein auf der Tatsache, dass zwischen den Supermächten kein atomarer Krieg geführt worden ist. Wenn man jetzt über Europa hinausblickt, in Gegenden wo Dutzende von Kriegen geführt worden sind, mit Millionen von Toten, dann sieht man, etwa in Angola, dass es ein langer Krieg war, der nicht beendet werden konnte, solange der große Kalte Krieg nicht beendet worden ist. Ähnliches natürlich in Vietnam, Laos, Kambodscha und so weiter. Auch hier hat erst das große Ende des Kalten Krieges zum Ende der vielen lokalen und regionalen Konflikte geführt, die eines mit Sicherheit nicht waren: ein langer Frieden.
Rationalpark:Oft wird fast wehmütig vom Kalten Krieg als einer Zeit der Stabilität gesprochen. Man habe damals wenigstens gewusst, wo sich der Feind befindet. Teilen Sie, angesichts der heute unklar verlaufenden Fronten, etwa gegen den islamischen Terrorismus, diese oft fast schon ins romantisierende abgleitenden Ansichten?
Bernd Stöver: Der Kalte Krieg war in seiner Grundkonstellation sicherlich zu überblicken und leicht in Freund und Feind einzuteilen. Wenn man genauer hinschaut, ist es natürlich nicht mehr so. Was man eindeutig sagen kann ist, dass sich heute viele angesichts der von Ihnen genannten Phänomene danach zurücksehnen, diese klaren Fronten wieder zu haben. Der Versuch ein klares Feindbild vorzugeben, etwa den Islamismus, läuft ja im Grunde genommen wieder darauf hinaus: da sitzt der Feind und hier die Guten. Die westlichen Demokratien gegen den totalitären Islamismus beispielsweise.
Rationalpark: Was aber keine geographische Grenze darstellt.
Bernd Stöver: Geographisch ist es keine Grenze, aber zumindest eine Wahrnehmungsart, mit der man die Welt in bestimmte Kategorien einteilen kann. Dass das nach 1991 weitaus komplizierter geworden ist, ist völlig unbenommen. Es ist eine grundsätzliche Sache, dass die Welt nach dem Kalten Krieg unübersichtlicher geworden ist. Daran liegt es vielleicht auch, dass viele sich wieder die scheinbar klaren Fronten des Kalten Krieges zurückwünschen.
Rationalpark: Huntington schreibt in seinem Buch Kampf der Kulturen: “der Konflikt zwischen liberaler Demokratie und Marxismus-Leninismus im 20. Jahrhundert war ein flüchtiges und vordergründiges Phänomen, verglichen mit dem kontinuierlichen und konfliktreichen historischen Verhältnis zwischen Islam und Christentum”. Stimmen Sie dieser Aussage zu?
Bernd Stöver: Womit Huntington sicherlich Recht hat ist, dass der Konflikt zwischen Islam und Christentum ein weitaus länger dauerndes Phänomen ist. Im Grunde genommen stimmt das aber wieder nur zum Teil. Auch während des Kalten Krieges hat es diese Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam gegeben, wenn auch oft in verdeckter Form. Die Auseinandersetzungen zwischen Indien und Pakistan war etwa auch ein religiöser Konflikt. Das gab es also auch während des Kalten Krieges, insofern ist das was Huntington für die Zeit nach 1991 schreibt, kein neues Phänomen gewesen.
Rationalpark: Ein interessanter Satz in Ihrem Buch lautet: “Die 68er trugen wohl am nachhaltigsten zur weiteren Amerikanisierung der BRD bei”. Viele der damals Beteiligten würden Ihnen hier sicher vehement widersprechen. Wie argumentieren Sie diese Aussage?
Bernd Stöver: Ich glaube Sie irren sich, wenn Sie meinen, dass die, die sich als 68er sehen – die einen 68er hat es ja im Grunde gar nicht gegeben – meinen würden, sie hätten nicht zur Amerikanisierung beigetragen. Allein die Übernahme amerikanischer Ideen, amerikanischer Verhaltensweisen, wie etwa die Formen des Protestes, sit-ins, go-ins, auch die Amerikanisierung der Sprache hat durch 68 einen Riesenschub bekommen. Viel mehr als in den fünfziger Jahren. Völlig losgelöst davon war, dass sie sich damit gegen die Politik der Amerikaner etwa in Vietnam wandten. Das Paradoxe daran ist, dass der Kampf gegen die Amerikaner mit amerikanisierten Formen geführt wurde.
Rationalpark: Würde Fritz Teufel dem zustimmen?
Bernd Stöver: Ich kenne keine Aussage von ihm zu diesem Thema, aber man könnte ihm sicher gute Argumente dafür präsentieren. Dass die Amerikanisierung unbeabsichtigt war, speziell Fritz Teufel hat das so sicher nicht gewollt das kann gut sein, aber sie hat eben durch die Form des Protestes stattgefunden.
Rationalpark: Sehen Sie in der jüngsten Auseinandersetzungen und der immer schärfer werdenden Rhetorik zwischen Russland und den USA vor allem bezüglich der geplanten Raketenabwehr in Polen und Tschechien, ein Wiederaufflammen der Kalten Kriegs-Diktion.
Bernd Stöver: Es wurde viel darüber gesprochen, dass der Kalte Krieg nun wieder beginnen wird. Hier muss man sich tatsächlich zuerst einmal anschauen, was der Kalte Krieg war und was wir heute haben. Wenn man davon ausgeht, der Kalte Krieg habe auf zwei Grundbedingungen gefußt, nämlich erstens gegensätzliche Ideologien und zweitens Atomwaffen mit der Möglichkeit die Erde vollständig zu zerstören, dann haben wir heute eine andere Konstellation. Russland ist heute sicherlich nicht mehr die Sowjetunion von vor 1991, auch wenn Putin kein Demokrat der westlichen Prägung ist. Die Staaten, die eine Ideologie haben, die man als Gegensatz zur westlichen Demokratie begreifen könnte, etwa die islamistischen Staaten, haben wiederum nicht die Atomwaffen, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, wie sie vor 1991 zwischen Ost und West angehäuft worden sind. Selbst wenn der Iran eine Atombombe hätte, dann wären es eine oder vielleicht drei, aber nicht tausende. Ich würde also in diesem Punkt davor warnen, das zusammenzumischen. Das bringt analytisch überhaupt nichts. Davon unabhängig ist aber, dass die Rhetorik des Kalten Krieges durchaus hin und wieder durchscheint. Das ist aber nicht nur zwischen Russland und den USA so, sondern das findet man auch im tagtäglichen Gebrauch zwischen Politikern. Das sind wahrscheinlich noch die Nachwirkungen des Kalten Krieges. Das er wieder begonnen hat, würde ich schlicht bestreiten.
Rationalpark: George Bush erklärte den “freien Westen” zum Sieger des Kalten Krieges. Gorbatschow hingegen meinte, es wäre ein gemeinsamer Sieg über die Konfrontation gewesen. Eine weitere These lautet wie der Titel eines Buches “We all lost the Cold War”. Gibt es Ihrer Meinung nach einen Gewinner des Kalten Krieges?
Bernd Stöver: Wenn man es auf den Punkt bringt, dann lässt es sich ja nicht bestreiten, dass die Sowjetunion untergegangen ist. Wenn man so will, hat man daher einen Sieger, nämlich die USA, die den Kalten Krieg überstanden haben. Wenn man das aber in einer größeren Perspektive begreift, dann würde ich eher auf die These “We all lost the Cold War” zurückgreifen – insofern sind wir alle Gewinner des Kalten Krieges, weil sich die Fronten aufgelöst haben. Im Grunde genommen kann man es sich aussuchen.
Interview geführt von Florian Gasser
Links
Stöver, Bernd: Der Kalte Krieg 1947-1991. Geschichte eines radikalen Zeitalters. München 2007.
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